Was hat Erziehung aus uns gemacht?

Schuldzuweisung

Teil I

Schon vor der Geburt unseres Sohnes, war uns klar, dass wir einen bindungs- und bedürfnisorientierten Umgang mit ihm leben möchten. Wir möchten ihn nicht in eine gewisse Richtung lenken, ihn mit all seinen Bedürfnissen sehen und ihn auf seinem Weg begleiten. Er soll so bleiben dürfen, wie er ist. Bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema stoßen wir natürlich immer wieder auf selbst erlebte Erziehungsmaßnahmen, die in schwierigen Situationen aus uns herausbrechen wollen. Deshalb habe ich mir in letzter Zeit oft Gedanken darüber gemacht, was Erziehung wohl aus uns gemacht hat. Wie tief in uns stecken noch die alten Sätze, wie: “Das macht man aber nicht”, “Du sollst nicht schon wieder…” oder auch “So hast du das jetzt aber fein gemacht!”, “Du bist aber böse”, “Wenn du jetzt nicht...dann…!”, “Wer nicht hören will, muss fühlen”, “Das macht man aber so und so”.

Wer kennt den einen oder anderen Satz nicht aus seiner eigenen Kindheit? Und wer kennt nicht den dazugehörigen strengen Tonfall? Die meisten von uns wurden noch klassisch erzogen. Wir wurden in eine gewünschte Richtung geschoben - in die angestrebte “richtige” Richtung. Wir wurden gelobt und belohnt, wenn wir etwas “richtig” gemacht haben. Wir wurden ausgeschimpft, bestraft und zurechtgewiesen, wenn wir etwas “falsch” gemacht haben. An uns wurde gezogen, gedrückt und gepresst, bis wir so waren, wie wir sein sollten. Die elterliche Autorität durfte nicht untergraben werden. Die Eltern haben immer Recht und wissen alles besser, wir Kinder kommen unfertig zur Welt, müssen erst einmal angepasst werden und die Regeln der Erwachsenenwelt erlernen. Das Kind hat zu gehorchen und keine Widerworte zu geben. Und half das alles nicht, wurden wir vielleicht auch geschlagen. Und es geht noch weiter: laut Auswertung der Kriminalstatistik starben 2013 wöchentlich 3 Kinder an häuslicher Gewalt. 3!!! Ich bin entsetzt, sprachlos und auch traurig darüber, wie mit unseren, noch hilfsbedürftigen Kindern umgegangen wird.

Die Gründe dafür weiß ich nicht, doch keine Begründung könnte solche Tat rechtfertigen. Was ich aber weiß ist, dass bereits am 6. Juli 2000 das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung verabschiedet wurde. Im Paragraph 1631 BGB Absatz 2 steht, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, wie körperliche Strafen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen haben und diese unzulässig sind. Was hat uns also dieses Gesetz gebracht? Wie gehen wir noch immer mit den Jüngsten in unserer Welt um? Mit denen, die uns ausgeliefert sind und die uns gegenüber wehrlos sind!

Ich bin Baujahr 82 und bin nicht in den Geschmack dieses Gesetzes gekommen und ich denke auch, dass noch viele Jahre vergehen werden, bis viele Kinder von ihm (mehr oder weniger) einen Nutzen haben werden. Denn die klassische Erziehung gibt es heute noch überall. Man muss nur ganz genau hinschauen.

Heute wie damals auch scheint es in der Erziehung keinen Platz für Individualität zu geben. Der Fokus wurde nur auf das gerichtet, was wir sein sollten. Brave, angepasste kleine Menschen - ohne eigenen Willen. Und versuchten wir auch nur ansatzweise unseren Willen durchzusetzen, neue Dinge auszuprobieren, unsere Autonomie zu entwickeln, wurde mehr Druck erzeugt und geschimpft. Kamen sie mit ihrer Schimpftirade nicht ans gewünschte Ziel, wurden Drohungen ausgesprochen und wir wurden auch bestraft. Wir wurden für etwas bestraft, was in ihren Augen falsch war. Doch kindliches Verhalten hat immer einen Sinn. Wenn wir unsere Kinder kennen und beobachten, können wir dies erkennen. Meist spielen Kinder nur und probieren etwas aus - und das immer und immer wieder.

Durch die Bestrafung fühlten wir uns klein - sehr klein, ungeliebt und nicht angenommen. Wir konnten es niemanden Recht machen - nur wenn wir das taten, was uns gesagt wurde. In ihren Augen haben wir “getrotzt” und wollten unseren Dickschädel durchsetzen und ihre Grenzen testen. Da musste man hart durchgreifen, damit einem das Kind nicht später mal auf der Nase rumtanzt.

Ich denke oft, dass bestimmte Laster, wie beispielsweise die Kauf- oder Drogensucht ein Überbleibsel aus der Kindheit ist. Wir sind innerlich unzufrieden und zerrissen. Wir versuchen, die in der Kindheit entstandenen Lücken durch shopping oder auch berauschende Drogen zu füllen. Lücken die durch Mangel an Zuneigung, Liebe und Geborgenheit entstanden sind. Weil wir nicht so sein durften, wie wir sind. Weil wir in eine Schablone gepresst wurden, die uns eigentlich nicht passte. Wir sind auf der Suche nach Belohnung für uns. Wir kennen es vielleicht nicht anders von früher. Nur wenn wir lieb und brav waren, etwas erreicht haben, dann wurden wir belohnt. Mit Geld, Süßigkeiten, Spielzeug und auch durch Anerkennung. Nur wenn wir uns angepasst und unser Selbst unterdrückt haben, dann haben wir eine Belohnung dafür verdient. Und wenn nicht, dann nicht. Das war dann die Bestrafung - die fehlende Belohnung und Abweisung. Dadurch haben wir uns schlecht gefühlt. Etwas war bereits in Griffnähe und wir haben es vermasselt, den Test nicht bestanden und somit auch nichts verdient. Wir haben uns nach und nach aufgegeben und an uns selbst gezweifelt. Diese Selbstzweifel tragen viele von uns auch heute noch in sich.

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Vielleicht wussten es unsere Eltern (ErzieherInnen & Lehrer) nicht besser oder wurden selbst so großgezogen und haben ihre Handlungen einfach nicht reflektiert. Vielleicht waren sie auch einfach nur überfordert. Wenn man das Kind als jemanden sieht, der unvollständig ist, den man sich erst noch gefügig machen muss, dann kann das äußerst anstrengend sein. Früher ging man davon aus, dass alle Kinder kleine Tyrannen seien, die erst noch zurechtgebogen werden müssten. Wenn wir unsere Kinder aber als jemanden sehen, den wir auf dem Weg ins Leben begleiten dürfen, der bereits sozial zur Welt kommt, dann haben wir eine positivere Sicht auf den Menschen, der da vor uns steht und können eher auf Augenhöhe und gleichwürdig mit ihm umgehen und das wiederum erspart uns viele Konflikte, Machtkämpfe und Reibereien. Und sind wir ganz ehrlich, dann wissen wir, dass das Kind keine Chance hat, diese Kämpfe zu gewinnen. Es ist abhängig von uns in jeglicher Hinsicht. Abhängig von unserer Liebe, Sicher- und Geborgenheit und auch Nahrung.

Wer es nicht schafft sich in das Kind hineinzuversetzen, hat mehr Probleme zu bewältigen und hat dadurch auch mehr Stress. Eltern sind in dem Glauben, dass sie es sich durch Erziehung leichter machen, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie müssen immer wieder nachschauen, ob die von ihnen gesetzten Regeln auch eingehalten werden. Der Erziehende muss kontrollieren, ob seine Regeln umgesetzt werden und macht sich damit mehr Arbeit als nötig. Wenn man um bestimmte (entwicklungspsychologische) Grundlagen weiß, kann man Kinder besser verstehen und auch begleiten. Man kann ihnen den Weg frei räumen, damit sie ihre Umwelt erforschen können und ihrem Entdeckerdrang nachgehen können. Man kann eine Ja-Umgebung gestalten, anstatt behaarig darauf zu pochen, dass das und das jetzt aber nicht angefasst werden darf. Das ginge ja später in der Kita und Schule auch nicht!Das Kind muss doch schließlich lernen, dass es nicht alles darf, was es will und das, obwohl es dazu noch nicht in der Lage ist. 

Kita & Schule

Und wo wir gerade beim Thema sind. Nicht nur, dass Eltern Erziehung und Druck auf ihre Kinder ausüben, nein, auch in Kita und Schule werden unsere Kinder weiter in ihrem Verhalten bewertet, beurteilt und zurechtgewiesen. Vor allem in der Kita und Schule ist es noch schwieriger auf jeden Einzelnen einzugehen - die Individualität jedes Kindes zu schätzen. Es geht dann nur darum, dass sich jedes Kind anpassen soll, an die vorgegebene Richtung, an die Regeln, die aufgestellt werden. Wer nicht hört, wird ausgeschimpft und muss als Strafe nachsitzen, bekommt keinen Nachtisch oder wird ausgeschlossen. Beziehung statt Erziehung ist dort fehl am Platz. Das liegt mitunter am Zeitmangel. Und in der Schule liegt es nicht zuletzt auch am Druck, der auf den Lehrern liegt. Sie haben dafür zu sorgen, dass der Stoff in bestimmter Zeit durch ist. Dieser Druck wird automatisch weitergegeben. Aber können Kinder solchem Druck stand halten? Ich denke Nein.

Ich möchte hier mit niemanden abrechnen oder Schuldzuweisungen geben. Ich stelle mir nur die Frage, wie du und ich jetzt wären, wenn uns nicht die klassische Erziehung dazwischen gekommen wäre. Natürlich gibt es noch andere Faktoren, die dazu beitragen, wie wir jetzt sind. Ich denke da an den Charakter und das Temperament jedes Einzelnen. Die restliche soziale Umgebung, die wir damals hatten und auch, wie wir damit emotional umgegangen sind oder umgehen konnten und ob wir bei Problemen aufgefangen wurden.

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Wir sind zum Glück in einer Zeit angekommen, in der das Konstrukt Erziehung hinterfragt wird. Viele Eltern gehen einen bedürfnisorientierten Weg mit ihren Kindern, ohne starre Regeln,Verbote, Bestrafungen und Kränkungen - und das ist auch gut so!

Wir müssen uns heutzutage  Sätze anhören, wie “Früher hätte es das aber nicht gegeben”, “Aber der brauch doch jetzt schon Grenzen, sonst lernt er es ja nie!”, “Der hört ja gar nicht”. Dabei wird einerseits übersehen, dass auch Kinder eigenständige Menschen sind und sein wollen und andererseits, dass manche Regeln einfach auch unsinnig und nicht hilfreich sind. Später sollen sie selbstbewusste, eigenständige, verantwortungsbewusste und empathische Menschen sein, aber wie sollten sie es lernen, wenn sie sich jetzt unterdrücken lassen müssen. Gehorsamkeit, sich unterordnen und folgsam sein ist die Orientierung - wie soll das helfen, selbstständig zu werden? Später bedarf es dann mehrerer Therapiesitzungen, in denen sie ihr wahres Ich wiederfinden sollen...

“Wir können uns von der Vorstellung lösen, dass Kinder aktiv erzogen werden müssen. Erziehung bringt dem Kind nichts, es ist nicht im Sinne des Kindes, es hilft nur dem Erwachsenen. Erziehend schneiden wir Kinder passfähig für die Welt der Erwachsenen, wir berauben sie vieler ihrer Potentiale und Möglichkeiten…”

Katharina Saalfrank “Du bist ok, so wie du bist”.

Fortsetzung folgt...

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