“…denn wer brav und artig war, der kriegt Geschenke, das ist doch klar…” – kritische Wertevermittlung

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Wer kennt es nicht? Zusammen Lieder singen und Gedichte vortragen macht Spass und gute Laune. Seitdem sich mein Sohn für Lieder interessiert, singe ich ihm welche vor. Er ist jetzt in dem Alter, wo er von sich aus mit singen anfängt und die Texte schon richtig wiedergeben kann oder Freude daran hat mitzuträllern. “Backe, backe Kuchen”, “Drei Chinesen mit dem Kontrabass”, “Wenn du glücklich bist dann klatsche in die Hand” gehören zu seinen Lieblingsliedern.

Und jetzt zur Vorweihnachtszeit singe ich natürlich auch Weihnachtslieder mit ihm. “Jingle Bells” (deutsche Version) ist gerade sein Hit. Oder auch “Kling Glöckchen klingelingeling” und “Lasst uns froh und munter sein”.

Ich weiß nicht, ob euch schonmal an bestimmten Liedern und Gedichten komische Textpassagen aufgefallen sind, womit ihr euch beim Vortragen nicht gut gefühlt habt. Bei den oben erwähnten ist für mich alles stimmig. Wenn ich mir dann aber das Lied “Heute kommt der Nikolaus” mit dem Satz “..denn wer brav und artig war, bekommt Geschenke, das ist klar!” anhöre, sträubt sich alles in mir. Damit habe ich kein gutes Gefühl im Bauch.

Doch was heißt brav und artig? Heißt es, den Eltern und Autoritätspersonen immer und überall zu gehorchen. Sich jedem unterzuordnen und sich auch von fremden Leuten Dinge gefallen zu lassen? Brav und artig. Ist auch eine reine Definitionssache. Eine rein individuelle Interpretation.

Was mir dabei zuerst in den Sinn kam ist, dass sich Kinder entgegen ihrem Drang nach Selbstständigkeit und Entdeckung anzupassen haben. Entgegen der emotionalen Entwicklung und Autonomiephase, denn nur wer seine Gefühle zurückhält, unterdrückt und kooperiert wird mit Geschenken belohnt, der andere geht leer aus.

Hier sind noch weitere Textpassagen, wo sogar körperliche Gewalt eine Rolle spielt:

aus “Lieber, guter Weihnachtsmann”:

Lieber, guter Weihnachtsmann,

guck mich nicht so böse an.

Stecke deine Rute ein,

will auch immer artig sein!


aus ”
Von draus vom Walde komm‘ ich her”

"Hast denn die Rute auch bei dir?"

Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;

doch für die Kinder nur, die schlechten,

die trifft sie auf den Teil den rechten!"

Der Satz“wenn du jetzt nicht…, dann kommt der Weihnachtsmann nicht zu dir!” ist mir unterwegs auch schon gelegentlich unter die Ohren gekommen.

Lieder, Geschichten und Gedichte spiegeln als Kulturgut die Werte der jeweiligen Gesellschaft wieder. Damals gingen unsere Erziehungsziele noch streng in Richtung Gehorsam und Anpassung. Die heutige Elternschaft wünscht sich jedoch meist etwas anderes für ihre Kinder. Sie sollen vor allem selbstbewusst, eigenständig und empathisch sein. Doch wenn wir das Eine wollen, sollten wir auf das Andere verzichten und dazu gehören Bestrafungen in jeglicher Form. Sie halten das Kind klein und schwächen das Selbstwertgefühl und - vertrauen enorm. Bestrafungen rufen Ärger und Wut beim Kind hervor. Wut, die abgespeichert wird und dann oft an Geschwisterchen ausgelebt wird oder die sich später im Erwachsenenalter destruktiv ihren Weg nach außen bahnt. Und: wer soll Empathie für andere entwickeln, wenn er selbst kaum welche erfahren hat?

Die Eltern, die sich an Bindung und Bedürfnissen orientieren haben ein Problem mit diesen Texten. Sie möchten diese Werte nicht an ihre Kinder vermitteln. Sie stellen die Beziehung zum Kind in den Mittelpunkt und orientieren sich auch nicht am Konsumwahn, der durch Weihnachten immer in den Vordergrund geschoben wird. Für sie ist Weihnachten eine besinnliche Zeit für die Familie, wo es in erster Linie darum geht zusammen zu sein und sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken.

Für mich ist es klar, entweder singe ich gewisse Lieder erst garnicht oder ich reime Textpassagen um. Das habe ich beispielsweise bei “Hoppe hoppe Reiter” schon getan. Bei mir heißt es nicht “fressen ihn die Raben”, sondern “wundern sich die Raben”! Das klingt in meinen Ohren nicht so grausam.

 

Wie macht ihr das? Welche Lieder und Gedichte fallen euch negativ auf? Welche Lieder singt ihr erst garnicht mit euren Kindern? Wie sieht es mit Märchen aus? Die sind auch oft so grausam, dass ich sie meinem Kind vorenthalte! Wie empfandet ihr es selbst, als ihr noch Kinder wart? Ich bin gespannt auf eure Kommentare, die ihr gerne hier unter dem Blogbeitrag posten dürft.

 

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