Die Bindungstypen

Die Qualität der Bindung lässt sich in 4 Bindungstypen unterscheiden. Damit kannst du selbst einschätzen, wie sicher dein Kind an dich gebunden ist - oder wie du wohl an deine Mutter gebunden warst. Mit dieser Einschätzung hat man Ansatzpunkte, wie man die Bindung und damit die Beziehung zum eigenen Kind verbessern kann. Der ausschlaggebende Faktor bei Bindungen ist die Feinfühligkeit. Wenn Eltern in der Lage sind, auf die Signale des Kindes so zu reagieren, dass es sich verstanden fühlt - resultiert daraus in aller Regel eine bessere Bindung. Sind die Eltern dazu nicht in der Lage, und das kann vielfältige Gründe in der eigenen Biografie haben, sollte man das eigene Verhalten dahingehend reflektieren und korrigieren.

Ich möchte euch anhand einiger Beispiele zeigen, was wichtig ist um (sehr) feinfühlig gegenüber seinem Baby zu sein.

Du bist feinfühlig wenn:

  • du bestens auf die Signale deines Babys eingestimmt bist und diese auch schnell und angemessen beantworten kannst
  • du die Welt aus den Augen deines Babys betrachten kannst und somit auch gut einschätzen kannst, was es gerade von dir braucht
  • du deinem Baby nahezu alles gibst was es möchte und in Situationen, wo dies nicht möglich ist, akzeptable Alternativen anbietest
  • du die Situation (z. B. Spielen), in der ihr euch gerade befindet nicht einfach so abbrichst, sondern diese zur Zufriedenheit deines Babys abrundest
  • du deinem Baby körperliche Nähe gibst, wenn es danach verlangt und ihm den Freiraum gibst wenn es gerade keine Nähe benötigt
  • du deinem Baby Unterstützung gibst, wenn es danach verlangt und ihm im Gegensatz die Freiheit lässt, wenn es Dinge selber ausprobieren möchte und seine Umwelt entdecken möchte

 

Und nun zu den Bindungstypen:

Man unterscheidet zwischen sicher und unsicher gebundenen Kindern.  

Sicher gebundene Kinder wissen, dass sie bei Problemen immer zur Mutter kommen können und diese einen "sicheren Hafen" bietet. Sie können ihre Umwelt frei erkunden und sind sich bewusst, bei Rückschlägen aufgefangen zu werden. Sicher gebundene Kinder besitzen eine ausgewogene Balance zwischen Nähe suchen zur Mutter und Erkunden ihres Umfeldes. Sie können negative Gefühle äußern, da sie gewohnt sind, dass ihre Mutter ihnen mit Empathie und Verständnis begegnet.

Eine sichere Mutter-Kind-Bindung macht aus, dass die Mutter immer feinfühlig und schnell auf das Kind reagiert, sobald es sich meldet. Sie weiß die Signale sicher zu deuten: ist ihr Baby hungrig, ist es müde, braucht es eine frische Windel, hat es vielleicht Bauchweh oder möchte es einfach nur in den Arm genommen werden und kuscheln? All das und noch viel mehr könnten die Bedürfnisse des Babys sein – wird damit angemessen umgegangen, bleibt das Urvertrauen erhalten.

Infobox
Hierzu möchte ich euch eine Linkempfehlung geben. Priscilla 
Dunstan fand heraus, dass alle Babys die gleichen Laute machen, wenn sie:

  • müde
  • oder hungrig sind
  • Hilfe beim Bäucherchenmachen brauchen
  • sich unwohl fühlen (volle Windel, frieren, schwitzen)
  • Bauchweh durch Blähungen haben

Darüber hinaus lässt die Mutter ihrem Kind auch den Raum und die Zeit zu seiner individuellen Entwicklung. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo – beim Krabbeln, beim Laufen, beim Sprechen und beim Trocken werden. Druck und Zwang schädigen die sichere Bindung. Sie unterstützt und ermutigt es jederzeit, aber nur so viel, wie es das auch möchte. Die Eltern haben Freude am Dasein des Kindes und zeigen diese auch. Sie lieben es genau so wie es ist - bedingungslos.  

Die sichere Bindung kann bei falschem Umgang unsicher werden. Wenn sich das Kind zurückgewiesen, verletzt, ungehört und ignoriert fühlt. Wenn es nicht als das gesehen wird was es ist – ein kleiner Mensch, der gleichwürdig und respektvoll behandelt werden möchte – auf Augenhöhe.

In Deutschland sind knapp die Hälfte der Kinder sicher gebunden. Die Restlichen sind die unsicher gebundenen Kinder.

In der Bindungsforschung werden die unsicher gebundenen Kinder in 3 Kategorien unterteilt: unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und unsicher-desorganisiert/
desorientiert.

Die unsicher-vermeindende Bindung entwickelt sich bei schroff zurückweisenden und unfeinfühligen Verhalten der Mutter gegenüber ihrem Kind. Es kann sich nicht auf die Mutter verlassen und auch somit seine Gefühle von Angst und Ärger nicht zeigen, weil es gelernt hat, dass diese ignoriert oder abgewiesen werden. Die Mutter ist nicht in der Lage sich in die Welt ihres Kindes hinein zu fühlen, weil sie vielleicht selbst in ihrer Kindheit nicht genügend emotionale Wärme erfahren hat. Ihr Kind wird sich dadurch allein gelassen fühlen. Sie ist zwar auch zu feinfühligem Verhalten fähig aber nicht dauerhaft. Wenn sich das Kind an sie herankuscheln will, wird es abgelehnt oder es wird nur halbherzig erwidert. Die Geborgenheit, die ein kleiner Mensch noch braucht, ist hier nicht gegeben. Er lernt sich abzuschotten - von seinen Gefühlen sowie von seiner Mutter. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder erkunden zwar ihre Umwelt, dies jedoch ohne die Rückversicherung bei der Mutter - sie sind pseudoselbständig. Sie werden dazu gezwungen selbständig zu sein, obwohl sie noch viel zu unreif dafür sind. Die Mütter sind ungeduldig mit ihren Kindern und dadurch oft übergriffig. Sie lassen ihr Kind beispielsweise nicht die Schuhe anziehen, weil es ihnen zu lange dauert. Sie nehmen keine Rücksicht auf die Autonomiephase des Kindes, in der es von alleine selbständig wird, anstatt dazu gedrängt zu werden.

Kinder mit diesem Bindungsmuster neigen zu aggressivem, antisozialem und tyrannischem Verhalten oder auch zu depressivem und überängstlichem Verhalten. Sie ziehen sich zurück, weil sie keinen Halt finden. Sie leiden häufig unter psychosomatischen Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall und Atembeschwerden und auch das Stresshormon Kortisol ist erhöht. Die Fürsorge, die sie noch benötigen, wird ihnen nicht zugestanden. Sie sind meist mit ihren Problemen auf sich selbst gestellt. Stell dir vor du fällst hin und niemand fragt dich, wie es dir geht oder du wirst nur halbherzig getröstet oder deine Verletztheit wird ignoriert oder gar heruntergespielt (“das ist doch nicht so schlimm”). Und so, wie mit ihnen umgegangen wird, werden sie auch mit anderen Menschen umgehen. Ihnen wird die Empathie fehlen.


Die unsicher-ambivalent gebundenen Kinder haben unbeständige Erfahrungen mit ihrer Mutter gemacht. Sie schwankt hin und her und ist somit nicht greifbar für ihr Kind. Sie ist unzuverlässig und unberechenbar für ihr Kind. Das Kind muss immer erraten, in welcher Laune sich seine Mutter gerade befindet und das verunsichert natürlich ungemein. Mütter solcher Kinder drohen oft mit Trennung. Das löst höchsten Alarm beim Kind aus. Es ist abhängig von ihr und ohne sie nicht überlebensfähig. Was stellt dies wohl mit ihm an? Kann es noch Vertrauen in die Person haben, die es mit ihrer Drohung in Panik versetzt? Es lebt in ständiger Angst verlassen zu werden und ist dadurch sehr unruhig und auch sehr anhänglich. Es fühlt sich in neuen Umgebungen unsicher und ist fremden Menschen gegenüber ängstlich, weil es sich nicht auf die Mutter verlassen kann. Die Erkundung der Umgebung ist für solche Kinder stark eingeschränkt, da ihnen die Mutter kaum Rückhalt, Sicherheit und Unterstützung gibt. Ein Kind braucht beständige Geborgenheit und Fürsorge, welche hier nicht gegeben ist. Auch diese Kinder haben einen erhöhten Kortisolwert. Sie zeigen starke Anhänglichkeit sowie aggressives Verhalten gegenüber der Mutter – sie verhalten sich ambivalent.


Kinder mit unsicher-desorganisierter Bindung haben in der Regel eine Mutter( bzw. Bezugsperson) mit unverarbeiteten Psychotrauma, was durch verängstigtes Verhalten zum Vorschein kommt und zur Verunsicherung des Kindes beiträgt. Sie können ihrem Kind dadurch keinen Schutz gewähren. Die Kinder sind verunsichert und benötigen doch eigentlich einen festen Halt von ihr. Sie erleben die Welt andauernd als einen gefährlichen Ort, dessen Furcht sich in ihrer Mutter widerspiegelt.  

Kinder die missbraucht und misshandelt wurden neigen auch dazu, sich unsicher-desorganisiert zu binden. Die Bezugsperson, welche eigentlich Schutz bieten soll, stellt nun selber die Gefahrenquelle dar. Manche Kinder nehmen reißaus, wenn die Mutter den Raum betritt. Oder sie fallen in stereotypische Verhaltensweisen, wie beispielsweise einfrieren der Bewegungen. Sie haben kurz gesagt große Angst. Auf der einen Seite brauchen sie so dringend Liebe, Schutz und Geborgenheit und sind daher abhängig. Auf der anderen Seite haben sie große Furcht vor weiteren Verletzungen seitens ihrer Mutter oder Bezugsperson.

Diese Kinder entwickeln Verhaltensstrategien, um mit ihrem Leben klar zu kommen und den Kontakt zur Mutter zu sichern. Sie werden entweder kontrollierend-fürsorglich oder kontrollierend-strafend.  

Die kontrollierend-fürsorgliche Verhaltensstrategie zeigt sich, indem das Kind der Mutter oder der Bezugsperson vieles Recht machen will. Die Mutter bietet in Gefahrensituationen nicht ausreichend Schutz. Sie ist überfordert und hilflos. Die Kinder versuchen jedoch noch vorsichtig Aufmerksamkeit von ihr zu erhaschen, ohne sie dabei großartig zu belasten und unterdrücken somit ihre Bedürfnisse. Es ist ein Teufelskreis: die Macht- und Hilflosigkeit auf Seiten der Mutter und das Kontrollverhalten auf Seiten des Kindes. Diese Kinder leiden häufig unter internalisierenden Verhaltensmustern wie Depressionen, sozialer Rückzug, Selbstabwertung und -zweifel.

Die kontrollierend-strafende Verhaltensstrategie wird begünstigt durch psychische und physische Gewalt der Mutter oder Bezugsperson. Eigentlich braucht das Kind fürsorgliche Zuwendung wenn es beunruhigt ist, wird aber angeschrien oder geschlagen. Das Kind übernimmt das aggressive Verhalten der Mutter und zeigt Ärger und Wut auch durch Aggression. Dieses Verhalten wird auch außerfamiliär gezeigt. Diese Kinder zeigen öfter externalisierende Verhaltensmuster wie Impulsivität, Aggressivität, Tyrannei und Aufmerksamkeitstörungen. Sie sind auch oft von Lernstörungen betroffen. Sie können auch keine Rücksicht auf andere Personen nehmen, da ihnen zu selten Empathie entgegengebracht wurde. Wie sollten sie es dann auch lernen? Kinder lernen schließlich durch Vorbilder.  

 

Warum man eine sicheren Bindung zum Kind anstreben sollte, liegt auf der Hand. Diese Kinder haben eine hohe Empathiefähigkeit, da oft auf ihre Bedürfnisse eingegangen wurde. Sie besitzen eine gute soziale Kompetenz. Sie sind weniger anfällig für psychologische Störungen. Sie können sich besser an andere Menschen binden und diese Beziehungen länger erhalten, weil sie sie wertschätzen. Sie besitzen längeres Durchhaltevermögen, wenn es um die Bewältigung von Problemen geht und sind kreativ und erfolgreich wenn es um Angstbewältigung geht. Sie können sich besser neuen Situationen anpassen. Sie sind emotional offener, da auch ihre Gefühle geachtet wurden. Der Umgang mit der Mutter ist freundlicher, offener, kooperativer und zugewandter. Sie haben eine höhere Toleranz gegenüber negativen Erfahrungen und können diese besser bewältigen. Sie besitzen besseres Selbstvertrauen sowie ein gutes Selbstwertgefühl. Sie sind besser in der Lage Hilfe einzufordern, da sie Vertrauen in sich und ihre Mitmenschen haben. Durch ihr starkes Erkundungsverhalten können sie sich kognitiv besser entfalten. Sie haben Respekt vor Autoritätspersonen, da mit ihnen auch respektvoll und wertschätzend umgegangen wurde. Kinder mit sicherer Bindung sind bei Lehrern und Mitschülern beliebt und haben es auch leichter Unterstützung von diesen zu erhalten.

Im Gegensatz dazu sind unsicher gebundene Kinder anfälliger für Stress, Aggression und auch emotionalem Rückzug, wenn sie ignoriert und abgelehnt werden. Freundschaften und Liebesbeziehungen haben nicht so einen hohen Stellenwert und werden daher schneller abgebrochen. Sie leiden oft an psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen. Weiterhin entwickeln sie oft psychosomatische Erkrankungen, wie z. B. Bauch- und Kopfschmerzen. Bei ihnen gibt es eine höhere Wahrscheinlichkeit für Suchterkrankung. Durch ihre negativen Erfahrungen aus der Kindheit haben sie oft Probleme im mitmenschlichen Bereich. Wenn sie stets um Aufmerksamkeit schreien müssen, empfinden sie Kälte und sie wollen doch von ihren Eltern Wärme spüren. Müssen sie ständig um Beachtung kämpfen werden sie als Tyrannen abgestempelt. Und dabei wollen sie doch nur gesehen werden!

Wenn du also Kinder mit sicheren Bindungen haben möchtest, dann gib ihnen am Besten viel Liebe und weniger materielle Dinge, denn NUR damit kann man Kinder wirklich verwöhnen! Und zur Liebe gehört ihnen ein geborgenes Zuhause zu geben, an dem sie sich JEDERZEIT wohl und gut aufgehoben fühlen und wo sie ernstgenommen werden. An dem sie sein dürfen, wie sie sind und du jederzeit ein offenes Ohr für ihre Bedürfnisse hast. Gib ihnen einen Ort der Ruhe, wenn ihnen alles zu viel ist. Fang sie auf, wenn sie „gefallen“ sind. Du brauchst Fein- und Mitgefühl. Sie brauchen Schutz, liebe Worte und Anerkennung. Sie brauchen Wertschätzung und Respekt – wie wir alle. Frag dich, wie du selbst gern behandelt werden möchtest, wenn du auf Fürsorge angewiesen wärst!

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Sie wollen sich frei entfalten, dafür muss man sie ausprobieren lassen – und abwarten. Das alles bedeutet ein wenig Kompromissbereitschaft, Zeit und Kraft. Aber es lohnt sich. Es wird sich auszahlen, so dass du später selbständige, selbstbewusste, ausgeglichene und zufriedene Kinder haben wirst. Und das ist doch das was zählt! Wenn du versuchst die Welt aus Kinderaugen zu sehen, wirst du es einfacher haben. Sie haben noch nicht die Ansprüche, wie wir Erwachsenen. Sie leben im Hier und Jetzt - sei dabei! Es ist alles eine Frage der Haltung gegenüber deinem Kind. Siehst du es als eigenständigen Menschen, der seine eigenen Wünsche und seinen eigenen Willen hat, so wird es wenig Reibungspotential geben. Begibst du dich aber in einem kräftezehrenden Kampf mit ihm wird es für beide Parteien sehr stressig. Dein Kind sollte die gleichen Rechte haben wie du. Es ist gleichwürdig, also sollte es auch so behandelt werden.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“!

Solltest du dich als Mutter also überfordert fühlen dann brauchst du dein "Dorf" als Ersatz für die Großfamilie von früher, wo mehrere Generationen in einem Haus lebten. Menschen, die dir Arbeit abnehmen. Sei es, dass sie dir dein Kind hier und da mal ein paar Minuten abnehmen damit du ein warmes Bad nehmen kannst oder sie dir im Haushalt helfen. Der Alltag mit einem Baby kann manchmal sehr anstrengend sein und deshalb ist es gut, wenn man jemanden um sich hat, der einem hilft die Wäsche zu waschen, zu kochen oder das Bad zu putzen. Dieses "Dorf" kannst du dir schon vor der Geburt deines Babys aufbauen. Sei es deine Mutter, deine Tante oder deine Oma. Es kann aber auch jemand außerhalb der Familie sein, wie die nette Nachbarin von nebenan oder vielleicht eine Freundin. Denk daran: nur wenn es dir als Mama gut geht, kann es auch der restlichen Familie gut gehen. Deshalb solltest du immer auf dich achten!

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