Die fremde Situation – ein Qualitätstest der Mutter-Kind-Bindung

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Zu den Themen Bindung und Bindungstypen habe ich bereits ausführlich geschrieben.

Nun möchte ich noch auf die verschiedenen Reaktionen der Bindungstypen eingehen, die sie zeigen, wenn sie sich in einer fremden Situation befinden und von ihrer Mutter getrennt werden.

 

Der Fremde-Situations-Test

Was ist das?

Der Fremde-Situations-Test wurde von der amerikanisch-kanadischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth entwickelt und ist eine standardisierte Abfolge von Situationsbeobachtungen zur Beurteilung der Qualität der Mutter-Kind-Bindung. Er wurde an Kindern im Alter von 12-18 Monaten durchgeführt.

Die fremde Situation wird in einem vorgefertigten Raum mit attraktivem Spielzeug durchgeführt. Es wird beobachtet, wie das Kind beim Betreten des Raumes reagiert, ob es exploriert, wie es sich verhält, wenn eine fremde Person den Raum betritt und, ob es mit ihr interagiert. Ein hohes Augenmerk wird auf die Phasen der Trennung von der Mutter und der Wiedervereinigung mit dieser gelegt. Die Durchführung dieses Experimentes erfolgt in 8 Episoden die maximal 3 Minuten dauern – sie wurden verkürzt wenn das Kleinkind weinte.

Die Mutter wird getrennt vom Spielzeug in einer anderen Ecke des Raumes auf einen Stuhl platziert, sodass deutlich vom Bindungs- und Explorationsverhalten unterschieden werden kann. Die Mutter wird dazu angewiesen sich ruhig zu verhalten, außer wenn sie direkt von ihrem Kind angesprochen wird. Mit jeder Episode wird analysiert, inwiefern das Kind verunsichert ist und sich Schutz und Trost bei der Mutter holt.


Ablauf des Tests:

  1. Beobachter führt Mutter und Kind in das Spielzimmer und verlässt den Raum wieder2.
  2. Die Mutter setzt sich auf ihren Stuhl und das Kind kann den ungewohnten Raum erkunden
  3. Eine fremde Person tritt ein, verhält sich erstmal ruhig und nimmt dann mit der Mutter und dem Kind Kontakt auf
  4. Die Mutter geht, und die Fremde bleibt mit dem Kind zurück
  5. Die Mutter kehrt zurück, und die Fremde geht
  6. Die Mutter verlässt wieder den Raum und das Kind bleibt allein zurück
  7. Die fremde Person kommt hinzu und kümmert sich um das Kind
  8. Die Mutter erscheint, und die Fremde geht

Wie reagieren nun die einzelnen Bindungstypen im Test?


Sicher gebundene Kinder

Da sicher gebundene Kinder zuverlässige Erfahrungen mit ihrer Mutter gemacht haben, fangen sie sofort mit der Erkundung des fremden Raumes an und benutzen ihre Mutter als “sicheren Hafen". Wenn die Mutter den Raum verlässt, reagieren diese Kinder gestresst und lassen sich von der fremden Person nicht vollständig trösten.

Bei Wiederkehr der Mutter rennen sie ihr entgegen und begrüßen sie freundlich, sie lassen sich zeitnah von der Mutter trösten und wenden sich sofort wieder dem Spielen zu. Bei ihnen ist das Verhältnis von Bindung und Exploration ausgeglichen.

Die Mütter dieses Bindungstyps sind in ihrer Ansprechbarkeit verlässlich, sind in der Interpretation der kindlichen Signale genauer und reagieren angemessen und unmittelbar. Besondere Bedeutung hat bei diesen Müttern die Ansprechbarkeit in Bezug auf das Weinen oder Verlangen nach engem Körperkontakt.

Unsicher vermeidend gebundene Kinder

Diese Kinder wenden sich kurz nach dem Betreten des Raumes der Exploration zu. Bei Abwesenheit der Mutter zeigen sie keinerlei Beunruhigung und setzen ihr Spiel ohne Pause fort. Sie akzeptieren die fremde Person als Alternative zur Mutter.

Sie suchen nach der Wiederkehr der Mutter wenig oder keine Nähe. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Kinder sich an die Mutter anschmiegen, wenn sie auf ihrem Arm sind, oder sich dagegen wehren, wenn sie wieder abgesetzt werden und es ist auch wahrscheinlich, dass sie sich winden, um heruntergelassen zu werden. Sie neigen dazu ihre Mutter bei Wiederkehr zu ignorieren oder sie bleiben bei der Begrüßung auf der halben Strecke plötzlich stehen oder rennen an der Mutter vorbei.

Diese Kinder begrüßen die Mutter entweder gar nicht oder nur mit einem zaghaften Lächeln, einem kurzem Blick oder sie wenden den Kopf ab. Auch wenn es so scheint, dass sie die Trennung von der Mutter nicht stört, so konnten Tests belegen, dass sie einen erhöhten Kortisolwert haben. Bei diesem Bindungstyp ist das Verhältnis mehr auf Exploration ausgelegt. Sie sind pseudoselbständig.

Die Mütter dieses Bindungstyps sind in der Regel zurückweisend, ignorierend, einmischend und wenig feinfühlig. Sie sind nicht wirklich in der Lage, die Welt aus der Perspektive des Kindes zu sehen, oder sich von ihm führen zu lassen, wenn es die Initiative dazu zeigt. Manche Mütter sind dem Kind gegenüber zu ungeduldig und sind gegenüber ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter entsprechend negativ eingestellt. Sie suchen sich lieber andere Aktivitäten mit denen sie sich beschäftigen wollen.

Besonders auffallend ist die verzögerte Reaktion auf die kindlichen Signale, wie weinen und eine mangelhafte Zärtlichkeit und Empathie beim Tragen des Kindes. Sie haben eine starke Abneigung gegenüber engem Körperkontakt mit ihren Kindern und setzen sie eher unangenehmen bis schmerzhaften Erlebnissen dabei aus.

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Unsicher ambivalent gebundene Kinder

Durch die vielen unzuverlässigen Erfahrungen mit der Bindungsperson gehen diese Kinder misstrauisch in die Fremde Situation rein (und sind dies auch gegenüber der fremden Person.) Sie versuchen die Nähe der Mutter zu halten und sehen sich in dem Weggehen der Mutter bestätigt, dass diese unverlässlich ist. Weil die Mutter ganz klar unzugänglich ist, sind diese Kinder in den Trennungsphasen äußerst bekümmert. Sie schlagen in ihrer Verzweiflung auch gegen die Tür und bringen somit ihre Wut zum Vorschein. Wenn sie mit der fremden Person allein gelassen werden, reagieren sie entweder wütend oder passiv. Bei der Rückkehr der Mutter verhalten sich diese Kinder ambivalent: auf der einen Seite wollen sie Nähe schaffen, auf der anderen Seite sind sie ihr gegenüber wütend und aggressiv. Daher ist es schwierig sie zu trösten, sie weinen weiter auch wenn sie hochgenommen werden oder sie wollen währenddessen wieder herunter. Der Kortisolwert ist auch hier erhöht.

Die Mütter dieses Bindungstyps sind in der Regel ignorierend und nicht angepasst auf die Bedürfnisse des Kindes. Sie reagieren nicht zeitgerecht oder gar nicht. Das Kind ist nicht in der Lage die Stimmung der Mutter einzuschätzen, weil diese so sprunghaft ist. Sie können ihrem Kind schlecht Unterstützung und Schutz bieten. Sie sind in ihrer Ansprechbarkeit unbeständig, aber wenn sie reagieren, können sie auch positiv sein. Sie bieten Körperkontakt an, wenn das Kind es gerade nicht einfordert und lehnen ihn ab, wenn darum gebeten wird. Mitunter können sie engen Körperkontakt auch genießen.

 

Unsicher desorganisiert/desorientiert gebundene Kinder

Diese Kinder konnte man keiner der anderen Bindungstypen zuordnen. Die Bindungspersonen dieser Kinder haben bestimmte Formen von beängstigenden und verängstigten Verhaltensweisen.

Bei der Abwesenheit der Bindungsperson zeigen diese Kinder kein spezielles Verhalten. Bei Rückkehr der Bindungsperson lassen sich anomale Verhaltensweisen erkennen, wie beispielsweise: Kind krabbelt auf die Mutter zu, um sie zu begrüßen, hält inne, um den Kopf mit ausdruckslosem Gesicht und mit geschlossenen Augen zur Seite zu drehen, klopft dann dreimal auf den Boden, rennt weiter, um sich dann von der Mutter auf den Arm nehmen zu lassen.

Weitere anomale Verhaltensweisen, so genannte Stereotypien: im Kreis drehen beim Weinen bei Rückkehr der Bezugsperson, auf den Boden werfen, Einfrieren und Verlangsamung der Bewegungen.
Neigung zu Annäherung an die Bezugsperson und zur gleichzeitigen Flucht von ihr weg. Der Kortisolwert ist auch hier erhöht.

Die Mütter dieses Bindungstyps weisen beängstigendes oder verängstigtes Verhalten gegenüber ihren Kindern auf. Auch kann ein ungelöstes Trauma mit einwirken. Sie sind zurückweisend, vernachlässigend, unansprechbar und misshandeln ihre Kinder unter anderem auch. Auch durch sexuellen Missbrauch durch die Bindungsperson kann sich solch ein Bindungstyp entwickeln.

 

Die Bindungstypen können sich anhand gemachter Bindungserfahrungen auch wieder ändern. Ein sicher gebundenes Kind kann unsicher gebunden werden und auch anders herum.

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