Für einen besseren Umgang – Kinder leichter verstehen Teil II

sandkasten_schaufel

Es ist Samstag vormittag und ich bin mit meinem Sohn auf dem Spielplatz. Wir schaukeln gerade, als ich folgende Situation miterleben muss, über die ich noch oft nachdenken musste.

Lisa, ungefähr 1 ½ Jahre, schaufelt fröhlich im Sandkasten vor sich hin. Plötzlich kommt ein Junge und nimmt ihr schnurstracks die Schaufel weg.Sie weint und fängt an den Jungen mit Sand zu bewerfen. Ihre Mutter schimpft daraufhin mit ihr: "Hör auf den Jungen an zuwerfen, du kannst auch mit deiner Harke weiterspielen und die Schippe mit dem Jungen teilen!".

Wie wird Lisa die Situation empfinden? Wird sie sich verstanden fühlen? Würdest du gern dein Handy oder dir andere wichtige Sachen mit jemand dir völlig fremden teilen müssen?

Einerseits ist Lisa frustriert darüber, dass ihr die Schaufel weggenommen wurde und andererseits ist sie verbal noch nicht in der Lage die Sache mit dem Jungen in einem Gespräch zu klären, also fängt sie an mit werfen. Kinder in Lisa´s Alter sind noch nicht zur Impulskontrolle fähig. Impulskontrolle bedeutet verschiedene Gefühle wie Wut, Trauer, Frust aber auch Freude voneinander trennen zu können und dann zum Ausdruck zu bringen. Da Kinder zu dieser jedoch in jungen Jahren noch nicht fähig sind, fangen sie an mit Dingen um sich zu werfen, sich auf den Fußboden zu schmeißen oder zu hauen. Sie fangen an zu weinen und schreien, wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie es gern hätten. Und ihnen ist egal, wo sie sich gerade aufhalten. Sie unterdrücken ihre Gefühle noch nicht so, wie wir Erwachsenen, was ja eigentlich auch eine gute Eigenschaft ist, um schnell Frust abzulassen, damit sich dieser erst gar nicht aufstaut.

Erst, wenn sie eine gewisse Reife entwickelt haben, fängt der Prozess der Impulskontrolle an. Dies geschieht ca. zwischen dem 2.-3. Lebensjahr und braucht einige Jahre, um sich weiterzuentwickeln. Wenn Lisa`s Mutter das gewusst hätte, hätte sie auch nicht schimpfen müssen, sondern hätte sie in den Arm genommen und getröstet. Wenn wir verstehen, dass unsere kleinen Kinder noch nicht zur Impulskontrolle fähig sind, haben wir mehr Verständnis, um ihre Not zu sehen und auf diese fürsorglich einzugehen.

Hätte sich Lisa`s Mutter loyal auf die Seite ihrer Tochter stellen sollen, um gemeinsam mit ihr die Schaufel wiederzuholen?

Lisa`s Mutter weiß doch nicht, wie wichtig Lisa die Schaufel ist! Vielleicht ist sie ihr genauso wichtig, wie der Mutter ihr Handy, Buch oder Handtasche wichtig ist. Und genau diese Sachen würde ihre Mutter sicherlich nicht mit ihr wildfremden Menschen teilen wollen! Warum sollten kleine Kinder keinen Anspruch auf ihr Spielzeug erheben dürfen?

Teilen lernen ist ein an Entwicklung gekoppelter Prozess. Noch im Grundschulalter haben Kinder Probleme von sich aus zu teilen. Dies hängt mit der Entwicklung des präfrontalen Kortex zusammen.

„Der präfrontale Kortex ist bekannt dafür, sich erst spät in der Entwicklung voll auszubilden und funktionell zu vernetzen“, sagt Nikolaus Steinbeis. Dass Kinder selbst dann nicht fair teilen, wenn es strategisch klug wäre, ist demnach nicht auf mangelndes Verständnis zurückzuführen, sondern erklärt sich aus der späten Reifung einer Gehirnregion, die für Impulskontrolle wichtig ist.” *

Warum müssen sie denn teilen lernen, obwohl sie entwicklungsbedingt noch nicht dazu in der Lage sind? Wenn wir sie zum Teilen zwingen, kommt dies nicht von Herzen und sie lernen, dass sie keinen Anspruch auf ihre eigenen Sachen haben - dass sie ihnen ungewiss sind.

Mit diesem Wissen können wir unsere Kinder leichter verstehen und ihnen ihre Spielsachen zugestehen, wenn sie diese noch nicht teilen möchten.

Aber wie geht man nun damit um, wenn man Besuch von einem anderen Kind bekommt und das eigene Kind einfach sein Spielzeug nicht teilen möchte?

Puppe_mädchen

Laura kommt zu Nina zu Besuch. Sie gehen zusammen mit ihren Müttern in Nina ihr Spielzimmer. Laura geht direkt auf Nina`s Puppensammlung zu und greift sich eine Puppe, um mit dieser zu spielen. Nina gefällt das überhaupt nicht und sie sagt “Nein, meine Puppe!” und nimmt sie Laura weg. Laura ist traurig und weint.

In solchen Situationen könnten wir unseren Kindern eine Tauschaktion anbieten. Demnach könnte Laura eine von ihren Puppen mit zu Nina nach Hause nehmen und zum Tausch anbieten. Das Spielzeug von anderen ist meist interessanter und Nina wird diesen Handel vermutlich nicht ausschlagen können.

Eine andere Bloggerin/Mama (leider weiß ich nicht mehr wer das war!) hatte den Vorschlag gemacht, für solche Momente eine extra Kiste mit Spielzeug anzulegen. Diese Kiste gehört ausschließlich der Mama und wird herausgeholt wenn Besuch kommt. Die Mama lässt also beide Kinder mit ihrem Spielzeug spielen und so gibt es nicht permanent Konflikte.

Nun ist es so, dass Kinder das eigentlich auch untereinander klären können -  solange niemand handgreiflich wird. Kinder sind auch in der Lage kleinere Konflikte untereinander zu lösen. Wenn wir nicht eingreifen, könnten wir vielleicht sehen, dass Nina ihr zwar die eine Puppe wegnimmt, ihr dafür aber eine andere Puppen zum Spielen überlässt. Wenn wir es nicht testen, werden wir es nie herausfinden. Ich lasse meinen Sohn auch bis zu einer bestimmten Grenze Konflikte mit anderen Kindern austragen, solange es friedlich zur Sache geht.

Das “Problem” auf Spielplätzen ist aber leider, dass da unterschiedliche, meist fremde Erwachsene mit unterschiedlichen Erziehungsstilen aufeinandertreffen. Während die eine Mutter nicht in das Geschehen eingreift, ist die andere Mutter dabei zu intervenieren oder auch zu schimpfen. Wir müssen dann für unser Kind abwiegen, ob wir eingreifen oder nicht. Jede Situation ist anders. Am Besten ist es natürlich seinem eigenen Stil treu zu bleiben, zu seinem Kind zu stehen, und sich vom Umfeld nicht ablenken zu lassen. Wir sind ihr Leuchtturm, der ihnen die Orientierung gibt und der für sie standhaft bleibt - bei hohen Wellen und bei Sturm. So war ich aber nicht immer. Auch ich befinde mich noch mitten auf einer Reise, alte Erziehungsmuster zu hinterfragen und auch zu durchbrechen. 

Wie hättet ihr reagiert, wenn ihr an meiner Stelle auf dem Spielplatz gewesen wärt und die Situation mit Lisa beobachtet hättet? Würdet ihr euch in die Erziehung anderer Eltern einmischen und sie auf den Umgang mit ihrem Kind ansprechen? Ich bin gespannt...

 


*Quelle: https://www.mpg.de/forschung/impulskontrolle-kinder-teilen

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7 thoughts on “Für einen besseren Umgang – Kinder leichter verstehen Teil II

  1. ich spreche grundsätzlich keine fremden menschen auf ihren erziehungsspiel an. ich möchte ja auch nicht das in meine bindung zu meinem kind die ganze zeit von außen leute kommen um mir zu sagen was ich besser machen soll. ich finde hier würde man eine grenze überschreiten. außnahme: das kind der mutter ist in gefahr, zb. wenn sie handgreiflich gegenüber ihrem kind wird, oder wenn sie nicht so schnell reagieren kann um gefahren ab zu wenden. ansonsten habe ich nicht das recht ein zu greifen. denn jedes kind hat sich bewusst seine eltern ausgesucht.

    1. Liebe Alpenblume, Danke für deinen Kommentar. Sehe ich ganz genau so, obwohl es manchmal schwer fällt.
      Aber wie du schon schreibst, möchte ich ja auch nicht, dass sich jemand bei mir einmischt. Bei Gewalt hört es natürlich auf.
      Leider kann ich mit deinem letzten Satz nicht konform gehen, wenn man die Schicksale vieler Kinder bedenkt.
      Lg Melanie

      1. wenn man es nur von dieser ebene betrachtet kann ich noch mit dir mitfühlen. da fragt man sich schon oft ,warum hat dieses kind sich genau so etwas schwieriges ausgesucht? ich habe es jetzt selber an mir gefühlt. für mich ist es die realität das die kinder sich die eltern aussuchen. vor einem guten halben jahr habe ich gefühlt das eine seele mich und meinen partner beobachtet. sie war von heute auf morgen dauerhaft present. sie klopfte durch gefühl aber auch durch träume an. mein partner und ich überlegten dann. wollen wir es dieser seele ermöglichen hier her zu kommen, und wir waren uns einig, ja das möchten wir gerne. also bei uns war es jedenfalls anders herrum. die seele hat uns ein halbes jahr beobachtet, ich fühlte sie mein partner fühlte sie auch. und dann machten wir es ihr möglich zu kommen. die initiative kam von dem baby das jetzt meinen bauch bewohnt.

  2. Ich glaube ja nicht an Zufälle, liebe Mel, und genau heute kommt Dein Beitrag. Perfekter Zeitpunkt! Das ist momentan nämlich genau unser Thema. Emil (2) beginnt gerade, zwischen mein und dein zu unterscheiden. Wenn wir seine Freunde zu Besuch haben, dürfen die jetzt nicht mehr mit den Spielsachen spielen. Ich habe es auch schon ausprobiert, dass die Mutter des anderen KIndes etwas von ihrem Kind mitbringt, das hätte auch gut funktioniert, wenn nicht das andere Kind dann wiederum ein Problem gehabt hätte, sein Spielzeug zu teilen. Ich bleibe trotzdem dabei und verteidige das Spielzeug meines Sohnes, falls er mir signalisiert, dass er das jetzt gerade nicht möchte. Es ist nämlich nicht immer gleich. Manchmal stellt es auch kein Problem dar. Jedenfalls bin ich da immer auf seiner Seite. Aber ich finde es sehr anstrengend. Ich beobachte, dass die Kinder sowieso nur nebeneinander herspielen und hinterfrage gerade, da er auch offensichtlich nicht nach anderen Kindern „verlangt“, ob ich nicht die sozialen Kontakte etwas runterfahren sollte. Damit er sich nicht ständig „aufregen“ muss. Wie siehst Du das? Da ist ja jedes Kind anders. Der Junge, mit dem wir heute spielten, verlangt sehr wohl nach anderen Kindern. Mein Junge ist eben eher introvertiert.

    Und dann freue ich noch über einen weiteren Rat von Dir:

    Denn heute gab es eine Situation, mit der ich etwas überfordert war, zumindest hab ich mir vorgenommen, darüber nachzudenken, wie ich zukünftig damit umgehen will. Vielleicht kannst Du mir ja einen Tipp geben: Mein Sohn steht in einem Häuschen auf dem Spielplatz. Wir spielen dort zusammen (ich klopfe an, er öffnet die „Tür“, Guck-Guck usw.) Dann kommt sein kleiner Freund (fast 2) und will auch dort hoch. Das wiederum findet mein Sohn nicht gut. Er wollte dort alleine bleiben. Nun handelt es sich hierbei ja nicht um sein Spielzeug, und ich bin mir unsicher, inwiefern ich ihm auch hierbei den Rücken freihalten sollte. Was meinst Du dazu? Ich freue mich auf Deine Antwort 🙂 Deine Jenn

    1. Liebe Jenn.

      Ich habe auch schon bemerkt, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter eher nebeneinander her spielen als miteinander. Bei meinem Sohn (der ja 1/2 Jahr älter ist als deiner) ändert sich das gerade etwas und er spielt zunehmend auch mit anderen Kindern für kurze Momente. Ob du die Kinderkontakte runter fährst, würde ich davon abhängig machen, wie schlimm dein Sohn damit zu kämpfen hat, wenn Besuch anwesend ist und er sein Spielzeug verteidigen „muss“. Vielleicht probierst du es ja mal mit dieser Extra-Spielzeugkiste, die dann quasi dir gehört 😉
      Bei dem Vorfall mit dem Spielplatzhäuschen würde ich den Kindern vorschlagen, dass sie sich abwechseln können oder du lässt es die beiden unter sich ausmachen. Meist klärt sich das ganz schnell von ganz alleine! Du könntest auch seinem 2jährigen Freund erklären, dass Emil gerade nicht möchte, dass er mit in das Häuschen kommt und ihn bitten zu warten. Solange unsere Kinder noch nicht zur Kommunikation fähig sind, können wir die jeweiligen Gefühle unseres Kindes zur Sprache bringen. Ich hoffe ich konnte dir etwas Inspiration dazu geben. Liebe Grüße Melanie

    2. Also ich spiegel Emilian meist, wenn er was will – ganz gleich, ob es geht oder nicht. Also im Häuschen hätte ich zu ihm gesagt ‚du willst da alleine stehen“ – beim anderen Kind dann ebenfalls ‚du willst auch hoch‘ – kurz darauf würde ich fragen oder vorschlagen. ‚willst du zuerst warten?‘ ‚also dann gehst du zuerst, dann hüpfst du runter und danach bist du dran!‘
      Ich halte die kommunikative Initiative so lange wie nötig (frage Optionen durch), und zieh mich gleich zurück, wenn sich ein Spiel entwickelt bzw. jeder seine Lösung hat. Manchmal entsteht natürlich auch ein gemeinsames Spiel. Das Spiegeln empfinde ich als sehr hilfreich, da sich die Kinder zumindest verstanden fühlen. Sie können die Zwickmühle auch eher begreifen und sie sind an der gemeinsamen Lösung beteiligt und die Autonomie von jedem bleibt gewahrt.

Was denkst Du dazu?