Was hat Erziehung aus uns gemacht? Teil II

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Teil II

Wann fängt Erziehung an?

Erziehung fängt in meinen Augen damit an, wenn wir unser Baby schreien lassen, nicht auf seine Bedürfnisse eingehen und es mit seiner Angst alleine lassen. Wenn wir es zum Durchschlafen oder Selbständigwerden erziehen möchten. Es fühlt sich nicht gesehen und es merkt, dass es dem Anderen egal ist. Wie sollte aus ihm einmal ein empathischer und selbstbewusster Erwachsener werden? Kinder möchten von Anfang an mit uns in Beziehung sein, sich sicher, geborgen und verstanden fühlen. Sie möchten Teil unserer Gemeinschaft sein, mit allem was dazu gehört. Doch wird ihre Bereitschaft dazu meist schon früh im Keim erstickt. Indem wir sie zu Objekten machen, die zu gehorchen haben. Wir beurteilen sie nach Maßstäben und bewerten ihre Fähigkeiten, ohne die Person dahinter zu sehen, ohne den jeweiligen Entwicklungsstand zu beachten.

Oft entstehen Konflikte zwischen uns und unseren Kinder auch durch Missverständnisse. Dadurch, dass sie sich noch nicht ausreichend artikulieren können. Oder, weil wir im Moment nicht richtig bei ihnen waren und ihnen deshalb nicht folgen können.

Für ihr Spiel bestraft

Kinder werden oft für ihr Spiel bestraft. Ich denke da an Situationen, wenn sie beispielsweise ausprobieren möchten, wie der Sand wieder herunterfällt, wenn man ihn nach oben geworfen hat. Oft höre ich dann Sätze “Wenn du nicht damit aufhörst, gehen wir sofort nach Hause!”. Oder wenn sie mit Essen spielen. Unser Sohn fährt im Moment total auf Autos ab. Er beißt ein Stück vom Brot ab und fährt dann mit dem Rest über den Tisch und macht Autogeräusche. Wenn ich ihn dafür jedesmal rügen würde, würde ich ihm damit zeigen, dass er falsch ist. Ich würde seine Fantasie untergraben. Dabei ist es doch ganz lustig mit anzuschauen, was sie in bestimmten Dingen so sehen und erkennen. Wie viel Fantasie sie noch haben im Gegensatz zu uns Erwachsenen. Wir können viel von ihnen lernen, was das Thema betrifft. Die Welt durch Kinderaugen sehen und sich mitreißen lassen. Sie sind noch für alle Sachen offen und das sollten wir ihnen nicht nehmen.

Wenn ich unseren Sohn für sein fantasiereiches Spiel bestrafen würde, würde ich damit das Vertrauen, welches er in mich hat, drosseln. Wie sollte er sich auf jemanden bedingungslos verlassen können, der ihn kränkt und ausschimpft, für das, was er ist und wie er sein möchte? Kinder fühlen sich in solchen Situationen hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert. Wo sollten sie auch hin. Sie müssen ja schließlich bei ihren Eltern bleiben, sie haben keine andere Wahl.

Sowohl körperliche als auch psychische Strafe schadet der kindlichen Seele immens. Ich denke da an diverse Süchte, Depressionen und auch Minderwertigkeitskomplexe. Viele von uns sind unfähig stabile Beziehungen einzugehen und diese auch für längere Zeit zu führen. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Vielleicht kommen nicht all diese Dinge von der Erziehung, doch wir können unsere Kinder stärken, damit sie gewappnet sind. Gewappnet für eine doch manchmal recht kalte und harte Welt da draußen. Die ersten 3 Lebensjahre spielen in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle. So, wie wir mit unseren Kindern in dieser Zeit die Konflikte lösen, werden sie später auch Konflikte mit anderen lösen. So, wie wir mit unseren Kindern umgehen, werden sie später mit anderen umgehen. Unsere Worte werden zu ihrer inneren Stimme. Und ist dies eine kalte, kränkende Stimme, so werden sie auch im weiterem Leben so von sich denken und gehemmt sein in ihrem Sein und Tun.

Aggressivität

Immer mehr Eltern wundern sich, dass ihre Kinder aggressiv werden oder aus der Rolle fallen. Es ist in ihren oder auch in den Augen der ErzieherInnen und LehrerInnen dann verhaltensauffällig. Das Kind passt nicht in die ihm übergestülpte Schablone hinein. Es muss sich verändern, sodass es wieder passt. Doch jedes Kind hat Gründe für sein Verhalten. Wir sollten nicht nur auf die Symptome schauen und diese beseitigen wollen, sondern auf das Kind an sich. Wir sollten schauen, warum es sich so und so verhält und mit ihm in Beziehung gehen, anstatt noch mehr an ihm herum erziehen zu wollen. Das schlimme an der ganzen Sache ist, dass nur Kinder auffallen, die laut, aggressiv und wütend werden, aber nicht die Kinder, die sich zurückziehen und leise sind. Auch diese Kinder haben Probleme, bei denen wir behilflich sein müssen und hinter die Fassade schauen sollten. Es geht ihnen nicht gut. Nur sind sie nicht in der Lage dies zu artikulieren. Sie ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück.

Eltern von aggressiven Kindern wird von den ErzieherInnen und LehrerInnen Angst gemacht, ihr Kind sei nicht normal. Dadurch wird noch mehr Druck seitens der Eltern ausgeübt. Das Kind muss wieder passend gemacht werden. Es muss funktionieren.

Darauf macht auch Katharina Saalfrank in ihrem Buch “Du bist ok, so wie du bist” aufmerksam: “Durch zunehmende Normierungstendenzen in allen Bereichen wird unser Blickfeld auf Kinder immer enger. Dass Entwicklung vielfältig und individuell und trotzdem noch natürlich sein kann, findet in den Tabellen kaum Platz. Und so werden Eltern verunsichert und fragen sich: Ist mein Kind in Ordnung? Zeigt es “normales” Verhalten? Ein wenig so, als sei eine Krankheit im Umlauf, die unsere Kinder mehr oder weniger zufällig befallen könnte. Als habe niemand und nichts Einfluss auf diese Entwicklung unserer Kinder und als stünde das Verhalten von Kindern in keinem familiären oder gesellschaftlichen Zusammenhang.”

Immer mehr Kinder fallen in die Kategorie “verhaltensauffällig”. Wer sich nicht anpasst, soll angepasst werden und dies im Notfall auch mit Medikamenten. Allein wenn man versteht, dass Aggression mit zur kindlichen Entwicklung gehört, dass sie Bestandteil einer Palette von vielfältigen Gefühlen ist, kann man damit konstruktiv umgehen. Sie gehören dazu, wie auch Freude und die Fähigkeit, Glück zu empfinden. Sie dürfen nicht unterdrückt werden, denn dann werden unsere Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung gehemmt und daraus können sich Störungen entwickeln - Unterdrückung macht krank. Sie werden dadurch zu emotionalen Krüppeln. Gefühle wie Wut, Trauer, Enttäuschung, Schmerz aber auch Freude und Begeisterung gehören zur gesamten Bandbreite und sollten auch zugelassen werden. Es ist wichtig diese Gefühle fühlen zu dürfen und sie auch ausdrücken zu können. Kleinkinder sind noch nicht in der Lage Aggression zu verbalisieren. Und es ist auch ein Trugschluss zu denken, dass aggressive Kleinkinder später einmal zu gewalttätigen Erwachsenen werden. Es gehört mit zur Entwicklung dazu und ist in manchen Situationen auch überlebensnotwendig.

Jedes 5. Kind in Deutschland gilt, laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts als verhaltensauffällig.

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Verhaltensauffällig ist ein Kind, wenn es in der Schule beispielsweise nicht stillsitzen kann, wenn es impulsiv, wütend und aggressiv ist und sich nicht anpassen kann. Die Zahl der ADHS Diagnosen ist zwischen 1989 und 2001 um 400 % gestiegen. Im Jahre 2011 galten insgesamt 750.000 Deutsche als ADHS-krank, darunter 620.000 Kinder und Jugendliche. Verunsicherte Eltern greifen dann schnell zur Medikamentation, um dem Kind bessere Chancen zu ermöglichen und, um Ruhe einkehren zu lassen. Diese Kinder werden als große Belastung angesehen. Während 1993 noch 34 Kilogramm Methylphenidat (Wirkstoff in Ritalin) verschrieben wurden, waren es 2010 bereits 1,19 Tonnen. Das ist die 35-fache Menge! Wer den meisten Gewinn an dieser Sache hat, liegt klar auf der Hand - die Kinder sind es zumindest nicht!

ADHS Diagnosen treten meist bei extrem früh eingeschulten Kindern auf. Doch sollten wir darauf schauen, ob diese verfrühte Einschulung überhaupt dem entwicklungspsychologischen Reifegrad der Kinder entspricht. Aber anstatt darauf zu achten, wie weit unsere Kinder in ihrer individuellen Entwicklung sind, fangen wir an, sie zu kritisieren, maßzuregeln und zu therapieren. Wir wollen sie für die Gesellschaft anpassen und achten nicht auf ihre Signale. Wir schenken lediglich den Symptomen unsere Aufmerksamkeit und probieren an diesen rumzudoktern.

Verhaltensauffällig werden Kinder auch dann, wenn wir ständig ihre Integrität verletzen und sie kränken. Sie hören auf mit uns zu kooperieren und erst dieses Verhalten fällt dann Eltern und Lehrern auf. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie selbst der Auslöser dafür sein könnten. Die Schuld wird meist beim Kind gesucht.

Erziehung verkam früher und verkommt auch noch heute zu einer bloßen Transaktion, einer Austauschbeziehung: “Wenn du den Tisch abräumst, dann darfst du danach auch fernsehen”. Das mag ja am Anfang noch funktionieren, aber wenn unser Kind unsere Manipulation/Erpressung hinterschaut und hinterfragt, wird es sich irgendwann nicht mehr auf diesen Deal einlassen wollen. Es wird für jede erbrachte Tat eine Belohnung erwarten, bleibt diese aus, wird unser Kind nicht mehr kooperieren. Was lernen unsere Kinder daraus? Ich helfe nur noch, wenn ich dafür belohnt werde. Ich denke nur an mich und meinen Vorteil.

Wenn wir uns hinter Erziehung verstecken, sehen uns unsere Kinder nicht als die Person, die wir wirklich sind. Sie möchten uns aber kennenlernen mit all unseren Stärken und Schwächen. Sie möchten hinter die Fassade aus Maßregelungen schauen* und wissen, wer sich hinter dieser künstlich hochgezogenen Mauer aus Erziehung versteckt.

Ich versuche im Alltag mit meinem Sohn das Schimpfen zu unterlassen (was mir aber noch hier und da misslingt). Ich versuche ihm anstatt dessen in “Ich-Botschaften” mein Anliegen, meine Bedürfnisse und persönliche Grenzen zu vermitteln. Somit gehe ich nicht direkt in den Angriff, sondern vermittle ihm ganz authentisch meine Gefühle und auch Sorgen. Ich zeige ihm meine Schwächen und auch Stärken und so kann er mich in meiner wahrhaftigen Person wahrnehmen.

Die Schablone, in die wir unsere Kinder reinpressen wollen, ist mit sehr hohem Energieaufwand verbunden. Eltern fühlen sich in ihrer Erzieherrolle oft hilflos und sie spüren, dass sie durch ihre Maßregelung in eine negative Dynamik kommen. Auch sie lieben ihre Kinder, doch kommen sie schnell in einen Teufelskreis. Den sie aber jederzeit durchbrechen können. Es ist nie zu spät, damit aufzuhören.

Auch wenn unser Kind schon 10 Jahre alt ist, können wir damit beginnen mit ihm in Beziehung zu gehen, anstatt weiterhin Erziehung walten zu lassen. Wir können unserem Kind Vertrauen schenken und Kontrolle abgeben. Wir sollten uns auf die Komplexität einlassen, die jede Beziehung mit sich bringt, statt auf vereinfachende Erziehungsmuster zu setzen, die mit einem permanent steigenden Energieaufwand durchgesetzt werden müssen. Denn all die Anordnungen müssen auch kontrolliert werden, die Kooperation unserer Kinder müssen wir uns immer wieder erkaufen.

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Wir sollten unser Kind in seinem Sein und Handeln sehen und bestärken ohne dabei zu kritisieren oder zu schimpfen. Beziehung leben ist nachhaltiger. Das Kind kooperiert besser. Es ist zufriedener mit sich selbst, was sein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen immens steigert. Das Familienleben wird harmonischer. Auch wenn es hier und da noch Konflikte geben wird, dürfen wir uns davon nicht abbringen lassen, denn diese gehören dazu - in jeder Beziehung! Es macht dennoch einen großen Unterschied, ob wir die Schuld auf das Kind abwälzen und die Fehler ausschließlich in seinem Verhalten suchen oder ob wir auch auf uns schauen und das berücksichtigen, was wir dazu beigetragen haben. Gehen wir mit unserem Kind empathisch um, wird es dies auch gegenüber seinen anderen Mitmenschen sein. Es wird emotional offen sein, da auch seine Gefühle geachtet wurden.

Wir dürfen unsere Kinder ruhig auf ein Podest stellen, um mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sie möchten mit uns in Beziehung sein. Und vor allem möchten sie als Persönlichkeit gesehen und angenommen werden, mit all ihren “Fehlern”. Sie brauchen Ermutigung, Bestärkung, Sicherheit und Anerkennung von uns, damit sie sich zu gesunden, selbstbewussten Menschen entwickeln können.


* http://beatriceluehrig.de/blog/ist-da-jemand-persoenliche-betroffenheit/

Lesenswerter Beitrag zum Thema Strafe:
https://bindungstraeume.de/anders-lernen-sie-es-nie-nein-wie-strafen-sich-zwischen-uns-und-unsere-kinder-stellen/

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