Selbstreflektion – der Schlüssel für einen liebevolleren Umgang

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„Kannst Du nicht aufpassen!“, blafft die Mutter ihren Fünfjährigen von der Seite an.
Geknickt schaut er zu ihr hoch und wischt wortlos das verschüttete Wasser mit einem Tuch auf.
‚Mist‘, denkt sie. ‚Das wollte ich doch gar nicht‘.
Die Mutter, die meinen Rat suchte, erklärt mir entschuldigend, dass ihr das immer wieder passiert. „Aber warum nur?“, fragt sie mich, während mich ihre Augen ratlos fixieren.

Ich bitte sie, an Situationen aus ihrer eigenen Kindheit zu denken, an die sie sich erinnert, die dieser ähnlich sind. Kommt ihr das bekannt vor?

Vor ihrem inneren Auge sehe sie ihre eigene Mutter, wie sie mit ihr schimpft. Das Kind in ihr sitze auf einem Stuhl, auf dem sie immer kleiner zu werden scheint, fast, als ob sie sich unsichtbar machen wolle, beschreibt sie mir den Rückblick.
Im Hier und Jetzt ist es ihr Sohn, der gerade Ärger bekommen hat. Von ihr.
„Das darf mir nicht passieren“, geht meine Klientin hart mit sich ins Gericht.
„Ich möchte bedürfnis- und bindungsorientiert mit meinen Kindern sein und in Beziehung mit ihnen leben, da haben ‚solche Methoden‘ keinen Platz.“, entgegnet sie resolut und überzeugt von ihrem Weg. Warum handelt sie dennoch so?

In meinen Beratungen komme ich mit meinen Klienten immer irgendwann an diesen entscheidenden Punkt, in dem uns die eigene Kindheit begegnet. Wo wir feststellen, dass in der selbst erlebten Kindheit so einiges anders gelaufen ist, als wir das heute mit unseren Kindern leben möchten.

Selbstreflektion ist ein entscheidender Schlüssel, wenn es darum geht, liebevoll mit seinen Kindern zu sein.
Wenn man seine eigene Kindheit beleuchtet, versteht, dass man instinktiv übernimmt, was man selbst erfahren hat, hat man die Chance, sein Verhalten zu reflektieren und zu verändern. Und genau da endet die Theorie und die Praxis setzt ein. Wenn Du Dich in einer solchen Situation befindest, und Du Angst hast, etwas zu tun, was Du später bereuen könntest, gehe aus der Situation raus, atme tief durch, vertraue Dich gegebenenfalls jemandem an, der gut zuhören kann und nehme wahr, was Du fühlst.

Woher kommen diese Gefühle? Welche Situation aus Deiner Kindheit zeigt sich gerade? Ein Thema, bei dem sich für viele Eltern im Umgang mit ihren Kindern Probleme zeigen ist das Wüten und Weinen ihres Kindes.
Die meisten von uns wurden in irgendeiner Weise vom Wüten abgehalten:
„Das macht man nicht“, „Was sollen die Leute denken“, „Reiß dich zusammen“, „Wenn du jetzt nicht aufstehst, gehen wir nachher nicht schwimmen“ usw.
Die „Wenn…dann…Sätze“, Du kennst sie sicher auch.

„Wenn Kinder weinen und wüten, werden bei uns Erwachsenen oft eigene starke Gefühle ausgelöst. Diese Gefühle sind häufig ebenso intensiv wie unangenehm und reichen von leichtem Ärger bis zum gewalttätigen Impuls. Manche Erwachsenen empfinden tiefe Sorge, Mitgefühl und sogar Kummer, wenn sie mit einem weinenden Kind zu tun haben. Andere fühlen sich ohnmächtig oder inkompetent“, schreibt Dr. Aletha Solter, eine schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin in ihrem Buch "Auch kleine Kinder haben großen Kummer."*

In der Praxis heißt das, dass ein weinendes Kind bei vielen Erwachsenen unbewusste Erinnerungen an ihren eigenen Kindheitsschmerz hochkommen lässt. Gefühle wie Kummer, Ärger, Ängste, Eifersucht oder Frustrationen jeglicher Art treffen uns wie ein Schlag ins Gesicht – oft unmittelbar und ohne, dass wir uns darauf vorbereiten konnten. Viele Eltern wollen (oder können) diesen Schmerz nicht fühlen und steuern so instinktiv dagegen.

Weinen und Wüten ist jedoch wichtig für Kinder, da sie sich auf diese Art von Stress entlasten und befreien können.

Was kannst Du also aktiv dafür tun, wenn Dich die Gefühle übermannen und Du Angst hast, etwas zu tun, was Du später bereuen könntest?

Sprich über Deine Gefühle und über Deine Kindheit

Das kann Deine beste Freundin sein, der Du Dich anvertraust, oder eine andere Mutter, die sich derzeit in einer ähnlichen Situation befindet wie Du. Auch Deine eigene Mutter kommt gegebenenfalls in Frage, damit Du Deinen Frieden mit ihr und Deiner Kindheit machen kannst.

Wenn Du merkst, es brodelt in Dir und Du explodierst gleich, gehe aus der Situation heraus, atme tief durch, zähle bis zehn und greife zum Telefon, wenn möglich, um jemanden anzurufen, mit dem Du darüber sprechen kannst, was gerade bei Dir passiert.

Eine andere Art, die Vergangenheit aufzuarbeiten ist es, Tagebuch zu schreiben. Drücke in Worten aus, was Du gerade empfindest. Notiere, ob Du diese Gefühle bereits aus Deiner Kindheit kennst, und wenn ja, in welchen Momenten. Was hättest Du in diesen Augenblicken von Deinen Eltern gebraucht, Dir von Herzen gewünscht? Hast Du Dich überhaupt verstanden und akzeptiert gefühlt?

 

Versuche wieder weinen zu lernen
Weinen tut nicht nur Kindern gut, sondern auch Erwachsenen. Leider haben die meisten Erwachsenen das Weinen verlernt. Doch wer es noch kann merkt anschließend, wie befreiend und wohltuend es ist, einfach mal ‚alles rauszulassen‘.

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Du darfst trauern! Du darfst Deine Kindheit beweinen! All die Momente, in denen Du nicht gesehen wurdest und Dich selbst nicht gespürt hast. All die unerfüllten Bedürfnisse, die Augenblicke, in denen Du zurückstecken musstest, weil Dein jüngeres Geschwister wieder alle Aufmerksamkeit von Mama und Papa bekommen hat. All die Male, in denen Du ermahnt wurdest, weil Du zu laut, zu still, zu schnell, zu langsam, zu … warst.

Für die Heilung ist es wichtig, die unterdrückten Gefühle von damals zu erinnern und erneut zu durchleben.
Hole Dir dafür seelische Unterstützung, einen Menschen, dem Du vertraust und Dich öffnen möchtest, an Deine Seite. Nur für den Fall, dass Du das Gefühl hast, Du schaffst es nicht alleine.

Hole Dir Unterstützung und erfülle Deine eigenen Bedürfnisse

Der vielleicht entscheidende Punkt. Wenn wir selbst nicht in unserer Mitte sind, ist es schwer, ruhig und gelassen mit Situationen umzugehen, die uns triggern.

Gerade bedürfnisorientierte Mamas und Papas vergessen leider zu oft, dass auch wir als Eltern Bedürfnisse haben, die erfüllt werden wollen. Und je länger wir diese ignorieren, desto unzufriedener werden wir.

Dieser Frust entlädt sich dann automatisch an den Kindern, da wir diese für die mangelnde eigene Freizeit unbewusst verantwortlich machen. Ein Teufelskreis. Also sorge gut für Dich!

Weißt Du, es ist nicht wichtig perfekt zu sein! Vielmehr erkenne, wer Du warst, und reflektiere, wer Du sein willst.
Nimm Deine Fehler wahr und mache sie wieder gut. Deine Kinder sind Dein Spiegel. Freue Dich über die Gelegenheit Dich selbst besser zu verstehen, Dich neu kennen-zulernen und Dich von den alten Schmerzen zu heilen.

 

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Jenniffer Ehry-Gissel hält Vorträge, gibt Workshops und ist beratend tätig.
Ihre Webseite
www.bindungsorientierte-elternberatung.de wird gerade aufgebaut. Auf ihrer Facebook-Seite gibt sie Impulse, Zitate und Praxistipps an Eltern weiter, die ihre Kinder in Beziehung ins Leben begleiten möchten.

Hier findet ihr Jenniffer auf Instagram

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