Der defizitäre Blick aufs Kind – jedes Kind hat sein individuelles Entwicklungstempo

junge_versteckt

Kinder kommen mit einer angeborenen Neugierde zur Welt. Sie möchten alles erforschen, erkunden und entdecken. Dies zeigt sich bereits beim Neugeborenen daran, dass es alles erdenkliche in den Mund steckt, um es mit seiner Zunge abzutasten und zu schmecken. Sobald er nach etwas greifen kann, wird dies gründlich unter die “Lupe” genommen.

Wir Eltern vergleichen unsere Kinder permanent mit anderen Kinder. Uns fallen die Stärken auf, aber auch die scheinbaren Schwächen unserer Kinder. Nun kommt es darauf an, wie viel Gewicht wir diesen vermeintlichen Schwächen schenken. Ob wir daran etwas ändern möchten oder es so akzeptieren oder ob wir unserem Kind die nötige Zeit geben noch “nachzuholen”.

Manch ein Elternteil macht sich Sorgen, warum das eigene Kind mit 18 Monaten noch nicht eigenständig läuft, obwohl das gleichaltrige Kind einer Freundin dies schon seit dem 11. Monat macht. Doch wir können Kinder nicht als Einheitsbrei ansehen. Jedes Kind macht seine Entwicklung nach seinem eigenen derzeitigen Reifegrad.

Das eine Kind beginnt erst mit 2 seine ersten Worte zu sprechen, ein anderes bereits mit 20 Monaten. Ein Kind interessiert sich mit 4 schon für Buchstaben und fängt langsam an zu lesen, ein anderes Kind tut dies erst mit 5 ½ oder erst wenn es in die Schule kommt.

Dem einen fällt Mathematik einfach, dafür ist er aber kein besonders guter Sportler. Wieder ein anderer hat eine gute räumliche Orientierung, ist dafür aber schlecht in seiner motorischen Leistung, könnte somit kein Leistungssportler werden, aber Architekt. Der eine kann gut im Umgang mit anderen Menschen und arbeitet im Einzelhandel oder als Erzieherin, der andere ist vielleicht zu schüchtern oder ihm liegt der Kontakt mit seinen Mitmenschen irgendwie nicht und sucht sich einen Job, in dem diese Eigenschaft nicht allzu sehr von Nöten ist.

 

Wir alle sind völlig verschieden und dürfen das auch sein.

 

Wir unterscheiden uns im Temperament, im Charakter, im Aussehen, in unserer Veranlagung und auch in unseren körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Wir können unsere individuellen Stärken zum Wohle der Gesellschaft nutzen. Unsere Schwächen werden von anderen kompensiert. Unsere Schwächen und die unserer Kinder anzunehmen ist von großer Bedeutung. Wenn wir dies nicht tun und auf den Schwächen unserer Kinder herumreiten, schädigen wir damit ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen und darüber hinaus das Vertrauen, welches sie in uns haben. Schaffen wir es, den defizitären Blick abzulegen, den wir auf unser Kind haben, nehmen wir für alle den Druck heraus.

Kind_globus

Für Kinder in der Schule gilt dennoch, dass alle dasselbe und in gleicher Zeit lernen sollen, obwohl doch die individuellen Fähigkeiten so enorm verschieden sind. Da wird zwischen Jungen, Mädchen und der individuellen Reife nicht unterschieden.

Viele wissen, dass Jungen einen größeren Bewegungsdrang verspüren, den sie dann aber in der Schule nicht nachgehen dürfen. Sie haben meist Probleme, wenn sie still sitzen sollen. Die Natur hat es so vorgesehen, dass Jungs ihre Muskeln andauernd trainieren und ausbilden. Sie mussten früher, rein evolutionsbiologisch gesehen, auf die Jagd gehen und immer fit sein, um die Familie mit Nahrung zu versorgen. Einen weiteren Nachteil den Jungs haben ist, dass sie unreifer zur Welt kommen als Mädchen. Diese haben in etwa einen Vorsprung von 1 ½ Jahren. Dieser Vorsprung kann von den Jungen nicht aufgeholt werden.*

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Reifegrad eines jeden Kindes. Kinder sind nur in der Lage gewisse Informationen aus ihrer Umwelt zu lernen und aufzunehmen, wenn sie einen gewissen Entwicklungsstand erreicht haben. Darüber hinaus merken sie sich gewisse Dinge besser, die ihrem derzeitigen Interessensgebiet entsprechen, zudem sie einen persönlichen Bezug haben und welche ihnen einen Sinn geben.

Interessiert sich ein Kind gerade für Bagger und Autos wird es unser Angebot, sich mit malen zu beschäftigen höchstwahrscheinlich ablehnen. Es geht hier also darum, die derzeitigen Vorlieben unseres Kindes zu sehen und es darin zu unterstützen. Mit einem Kind, welches sich gerade für Bagger interessiert, könnte man öfter mal eine Baustelle aufsuchen. Mit einem Kind, das gerade für Dinosaurier “brennt” kann man in ein Museum gehen usw.

Kinder lernen dann am Besten, wenn ihre Grundbedürfnisse nach Sicher- und Geborgenheit befriedigt werden. Gewisse intellektuelle/körperliche Beeinträchtigungen können aber auch nachgeholt werden, sobald sich das Kind sicher und geborgen fühlt und genug Zuwendung von seinen Bezugspersonen erhält. Dies kann man gut bei vernachlässigten Kindern beobachten. Sobald die Phase der Vernachlässigung beendet ist, sei es, dass ein Heimkind in eine neue Pflegefamilie kommt und sich dort gut aufgehoben fühlt, holt es seine altersgerechte Entwicklung wieder auf.

Werfen wir nochmal einen kurzen Blick zurück zur Schule gilt auch dort, dass  sich Kinder von den Lehrern angenommen, gesehen und wertgeschätzt fühlen wollen, denn dann sind sie bereit, sich auf sie einzustellen und von ihnen zu lernen. Begegnen Lehrern ihren Schülern mit Ablehnung und Distanz können sie diesen keine Orientierung geben und das Lernen wird erschwert. Deshalb sollte es für Lehrer oder auch Ausbilder erste Priorität sein, in eine wertschätzende Beziehung zum Kind oder zum Auszubildenden zu gehen. Nur dann hat er die Chance das volle Potential herauszukitzeln und er erhält die volle Aufmerksamkeit.

Vermeiden wir Kontrolle und Belohnung beim Kind, damit es etwas lernt, wird damit sein Selbstwertgefühl gestärkt und es kann Eigenverantwortung übernehmen. Es ist nicht von der Außeneinwirkung (Belohnung, Lob) abhängig und kann seinem natürlichen Entdeckerdrang nachgehen. Kinder benötigen keine Motivation von außen. Wenn sie ein Ziel selbstständig erreicht haben (Turm aus Bauklötzen bauen, auf einen Baum klettern) wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Diese erlebten Glücksgefühle wollen von den Kinder wieder erlebt werden und wirken somit als Antrieb für neu gesteckte Ziele. Werden Glück und Freude immer wieder selbstständig erwirkt, steigert dies das Selbstwertgefühl, dies verankert sich im Gehirn und lässt sie innerlich wachsen.

Junge_klavier

Aber warum vergleichen wir unsere Kinder und setzen sie (auch unbewusst) unter Druck?

Wir wurden selbst als Kinder in diese Lage gebracht. Es herrscht Konkurrenzdenken und Wettbewerb, überall wo man nur hinschaut. Es ist kein Miteinander sondern eher ein Gegeneinander, eine Ellenbogengesellschaft. Wir denken, unsere Kinder müssten sich im Wettbewerb durchsetzen. Nur der Stärkere gewinnt. Schauen wir aber über den Tellerrand hinüber, stellen wir ganz schnell fest, dass es uns allen so eingeimpft wurde, vor allem durch die Benotung im Schulsystem - aber auch, weil es systemimmanent, weil es Staatsideologie ist. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit ist schließlich deutsche Staatsräson - also wird alles verglichen - und weil es alle machen, vergleichen Eltern eben auch ihre Kinder.

Die Zukunft ist aber Kooperation  - jeder hat etwas, dass er richtig gut kann. Der defizitäre Blick erfordert aber, dass die Schwächen ausgeglichen werden sollen. Auch später im Erwachsenenalter, wo wir höchstens Mittelmaß erreichen können, während Stärken zur Perfektion ausgebaut werden können. Der Schlüssel liegt hier im Interesse, der Neugier.

Alle Eltern möchten immer nur das Beste für ihre Kinder und das ist auch gut so. Sie möchten, dass ihre Kinder später einen guten Job haben und genug Geld verdienen und haben Angst davor zu versagen. Dabei dürfen sie die Persönlichkeit des Kindes nicht aus den Augen verlieren. Wir können die Stärken unseres Kindes fördern, anstatt zu viel unnötige Energie an seinen (vermeintlichen) Schwächen zu verlieren.


* Quelle: Kinderjahre von Remo Largo

||||| Like It 2 gefällt mir! |||||

2 thoughts on “Der defizitäre Blick aufs Kind – jedes Kind hat sein individuelles Entwicklungstempo

Was denkst Du dazu?