Was ist eigentlich bedürfnisorientiert?

Baby Hände Eltern

Fangen wir damit an, was bedürnisorientiert nicht ist: Es geht nicht darum einem Kind direkt jeden Wunsch zu erfüllen. Und geht auch nicht darum seine eigenen Bedürfnisse immer hinter allem inklusive Hund und Katze hintenanzustellen. Es geht auch nicht um absolute Aufopferung bis zur völligen Selbstaufgabe. Es geht nicht darum, dass Snowflake der Nabel der Welt ist. Oder BO an der eigenen Haustür aufhört. Oder dass es keine Regeln gibt. Es ist nicht laissez-faire, es ist nicht unerzogen.

Bedürfnisorientiert orientiert sich an den Bedürfnissen aller.

Bedürfnisorientiert ist keine Erziehungsmethode oder Anleitung, es ist eine innere Haltung. Und die betrifft, wie bereits erwähnt, – nicht nur sein Kind, sondern eben alle Mitmenschen und in der Situation anwesende Wesen.
Was sind eigentlich Bedürfnisse. Herr Maslow dürfte wohl jedem, der durch die Schule gelaufen ist, bekannt sein. Je kleiner der Mensch, desto weniger Bedürfnisse hat er. Am Anfang sind es nur die Grundbedürfnisse oder auch Defitzitbedürfnisse, mit Beginn der Autonomie kommen dann die Individualbedürfnisse hinzu.

Bedürfnispyramide Maslow

Die meisten werden wohl irgendwann in ihrem Leben Sims gespielt haben, oder? Da hat man ja auch formschöne Balken, die bestenfalls grün bleiben sollten. Denn sonst geht’s unserem virtuellen Menschen echt schlecht. Harndrang kann man nicht beliebig aufschieben, sonst läuft es irgendwann. Isst man nicht, bricht irgendwann der Kreislauf zusammen. Und Schlafentzug hat ungefähr dieselbe Wirkung was Reaktionsvermögen, Impulskontrolle und Belastung angeht wie ein Promille Alkohol. Möchten wir also betrunken unsere Kinder betreuen? Eher nicht.

Fangen wir also damit an, dass wir uns vorstellen wir sitzen im Flugzeug. Ja, richtig. Wir steigen ein, gurten uns an. Und was kommt dann? Richtig, die Sicherheitseinweisung. Rufen wir uns mal die Safety-cards in Erinnerung. Nicht die Notwasserung oder „Brace for impact!“, sondern „Im Falle eines Druckabfalls ziehen Sie die Sauerstoffmaske erst sich selber über Mund und Nase; helfen Sie erst dann Kindern und Hilfebedürftigen.“ Macht Sinn, oder? Nur wenn unsere Bedürfnisse nicht vernachlässigen können wir am besten für unsere Mitmenschen sorgen.

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Ehe das jetzt missverstanden wird: Es heißt nicht, dass ihr auf gesegnete 8 Stunden Schlaf (hahaha…ha) pro Nacht kommen sollt und sich das Kind derweil die Lunge wund schreit. Es heißt: Auch mal Fünfe gerade sein lassen. Es ist okay, wenn Oma dann mal das Kind beaufsichtigt, während ihr mal in Ruhe ins Kachelbüro abbiegen könnt, ihr mal mehr als 30 Sekunden in der Dusche stehen könnt, ohne mit Schaum auf dem Kopf nach Phantomweinen lauschen müsst. Es ist okay, zu netflixen während ihr stillt oder mal ein Gläschen zu füttern, während ihr eine TK-Pizza mümmelt. Wenn ihr keinen Bock habt zum 20. Mal Lalelu zu singen oder die 50. Runde Lotti Karotti am Tag spielen wollt. Und vorallem nicht mit Bronchitis bei Nieselregen auf den Spielplatz gezerrt werden, nur weil das Kind das will.

BO heißt auch Grenzen setzen.

Ich habe dazu ein paar Leitsätze. „Deine Freiheit hört an der Grenze eines anderen auf.“, „Behandel andere wie du gerne behandelt werden willst.“, „Liebe mich dann am meisten, wenn ich es am wenigsten verdiene, denn dann brauche ich es am meisten.“, „Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderem zu.“, „Nein heißt Nein – mein Körper gehört mir.“
Das Missverständnis „Konsequenzen = Strafen“ möchte ich einmal auflösen. Eine Konsequenz ist meist die Folge von Aktion – Reaktion. Keine willkürliche Sanktionierung „Wenn du nicht aufisst, gibt es kein Fernsehen.“ (steht in keinerlei Zusammenhang – also unlogisch/willkürlich). Eine logische Konsequenz wäre „Wenn du den Teller auf den Boden wirfst, zerbricht dieser.“ Oder „Wenn du die Katze nicht in Ruhe lässt, musst du weg von der Katze.“. Natürlich ist das Aufzeigen oft unschön für das Kind, aber absolut wichtig. Kinder wollen die Welt verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert. Grenzen und konsequentes Handeln bieten den Kindern Sicherheit und Orientierung. Solange diese achtsam, auf Augenhöhe und wertschätzend kommuniziert werden.

Also wenn mein Kind etwas in mir auslöst ("triggert"), was mir irgendwie nicht gut tut, dann frage ich mich zuerst einmal "Wieso?". Wenn es weh tut – das dem Kind kommunizieren. Nicht nur mit Neins rumwerfen. „Schatz, das tut mir weh. Lass es.“ Und dann überlegen wieso es das Kind tut. Aufmerksamkeit? „Ich sehe, du möchtest spielen? Hier, dann machen wir jetzt XY.“ Und wenn es Unmut ist? „Aua! Das tut mir weh! Lass das! Ich sehe, du bist wütend, weil… Schau mal, du könntest XY tun.“ Generell überlege ich vor einem Nein „Wieso eigentlich nicht?“ Wenn die Katze am Schwanz festgehalten wird? Okay, das Tier geht sonst in den Attacke-Modus und das kann schon übel enden. Das Kind verträgt irgendwas nicht – okay, offensichtlich auch ein Nope. Aber wieso darf es denn nicht die Kleidung (wenn sie zur Witterung passt!) selber aussuchen? BO heißt auch, sich von seiner eigenen Erziehung und gesellschaftlichen Erwartungen freizumachen. Kein „Das macht man aber nicht.“ Sondern „Wir machen das so.“

Mutter Kinder

„Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen.“

Auch das ist BO für mich. Weder Natur noch Evolution haben das so eingerichtet, dass eine Mutter alleine ihr(e) Kind(er) versorgt. Entsprechend ist es sinnig, sich schon früh Hilfe von außen zu holen. Partner, Oma/Opa, Tante/Onkel, Nachbarn, Freunde, … da bricht man sich echt keinen Zacken aus der Krone. Wobei wir dann wieder bei der Selbstfürsorge (die Sauerstoffmaske, ihr erinnert euch) sind. „Happy wife – happy life“, lässt sich auch auf Eltern übertragen. So viel zum Miteinander. Das Buch „Nein aus Liebe“ von Jesper Juul kann ich wirklich wärmstens empfehlen. Seid euch klar. Was ihr wollt und was ihr nicht wollt. Und redet! Mit euren Partnern/innen, mit euren Kids! Eure Stimme wird zu den Gedanken eurer Kinder. Ihr seid die Vorbilder.

Übrigens: Wünsche sind keine Bedürfnisse. Schokolade ist kein Bedürfnis. Es ist ein Wunsch. Es steckt aber sicherlich ein Bedürfnis dahinter. Hunger oder Langeweile könnte es sein oder ein genereller Mangel sein (Aufmerksamkeit, Frust, selbst Müdigkeit wäre denkbar). Den Anspruch jeden Wunsch direkt zu erfüllen halte ich für utopisch.

Eine solche Erwartungshaltung übt somit einen enormen und völlig unnötigen Druck auf alle Beteiligten aus. Und das Kind lernt so nicht mit Frust umzugehen. Das Zauberwort dazu heißt Resilienz.
Um mal die bekannte Online-Enzeklopädie zu zitieren „Resilienz (von lateinisch resilire ‚zurückspringen‘ ‚abprallen‘) oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.“

Also was tun wenn Wünsche und Bedürfnisse kollidieren? Den Weg des geringsten Widerstandes nehmen? Was vermitteln wir dann dem Kind? Unser Weg ist alle Befindlichkeiten in einen Topf zu werfen und zu schauen was alle Beteiligten gerade brauchen oder sich wünschen. Dann wird priorisiert. Grundbedürfnisse vor allem, Wünsche vor Bedürfnissen, klein vor groß. Meist läuft es dann auf Kompromisse hinaus. Das stößt nicht immer auf Gegenliebe – wir halten den Frust aus, begleiten diesen, spiegeln die Gefühle, zeigen Alternativen auf, „unden“ unsere Bedürfnisse. Das heißt nicht, dass dabei alle Beteiligten ruhig bleiben oder es zu keinen Tränen (auf beiden Seiten!) kommt. Aber es ist eine Chance authentisch zu sein. Alle Gefühle sind okay - ich darf traurig sein, ich darf weinen. Ich kann sagen, wenn mich etwas (nicht "Du machst mich traurig!" sondern "Ich bin traurig, weil du mir wehgetan hast" z.B.) traurig gemacht hat. Das Kind hat so eine Chance zu lernen, was Handeln für Gefühle auslösen kann. Und kann es für sich selber adaptieren.

Somit sollte klar sein, dass Leute, die gerne nach Schema F arbeiten, bei BO an ihre Grenze kommen. BO ist für jede Familie so unterschiedlich, wie der Fingerabdruck eines Jeden. Jeder hat andere Trigger, andere Herzensangelegenheit, Grenzen. Was für den einen okay ist (Wände anmalen z.B.) geht für den anderen nicht - und das ist vollkommen legitim! Oft ist es auch eine Charaktersache. Es ist situationsbezogenes Handeln, welches vor allem auf Selbstreflektion und respektvollem Umgang miteinander aufbaut.

Foto_Jennifer_Wehrmann

Jennifer -

sieht sich selbst nur als Mutter, wobei sie mit gefühlt links zeigt, dass man ohne sich selbst zu verraten auch noch Frau, Lebensgefährtin, Freundin, Gärtnerin, Upcyclerin ohne Instafilter und coole Socke sein kann.

Nicht jeder versteht ihren Weg, muss es auch nicht, da es nur ihrer alleine ist.

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