Hoch-sensible, tief-verbundene Elternschaft

Sonnenuntergang Herz Hände

In diesem zweiten Blogbeitrag möchte ich mich auf den Aspekt der „hoch-sensiblen, tief-verbundenen Elternschaft“ konzentrieren. In meinem letzten Beitrag habe ich erläutert, warum ich das Leben mit Hochsensibilität vielmehr als natürlichen Urzustand beschreiben würde, anstelle es als normabweichende Minderheit zu sehen.

(Lies hier https://www.kleinermensch.net/das-merkmal-hochsensibilitaet-in-tiefer-verbindung-betrachtet/)
Dementsprechend glaube ich persönlich, dass Babies in einer Art tiefen Verbindung zu allem, was ist, geboren werden. Gehäuft findet man hochsensible Kinder von hochsensiblen Eltern. Genetik und Vererbung? Vielleicht…Aber wäre es nicht vielmehr denkbar, dass feinfühlige, „erwachte“ Eltern es schaffen, die angeborene Sensibilität und Individualität zu erhalten und deshalb dieser Zusammenhang zu finden ist? Dann wäre unsere Hauptaufgabe auf Elternebene vorrangig, diesen natürlichen Zustand des Kindes zu erhalten. Dabei haben sicher Eltern, die sich ihrer eigenen Intuition und Sinne bewusst sind, einen Vorteil.

Aber bringt es nur Vorteile mit sich als HSPler sein (HSP-)Kind zu
begleiten?

Ich möchte in diesem Beitrag ganz ehrlich Licht- und Schattenseiten dieser Situation
beschreiben, denn es gibt sie- diese dunklen, anstrengenden Momente. Ich könnte sie zwar hier ausblenden und HSP- Elternschaft mystisch, magisch und rein lichtvoll erscheinen lassen, doch ich täte uns allen damit unrecht. Uns, das sind wir HSP-Eltern, die täglich jonglieren zwischen eigener Überreizung, fehlendem Individual-raum, tiefer Verbindung und tobenden Gefühlswellen.

Erinnern wir uns nochmal daran, was HSP unter anderem als Kennzeichen
hat:
- Überforderung durch viele sensorische Reize
- Starke Empfänglichkeit für die Emotionen der Umgebung
- Intensive Vorstellungsgabe
- Stress bei zu vielen gleichzeitigen Anforderungen
- Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
- Kreativität
- Ein Gespür für die Feinheiten des Seins
- Bedürfnis nach Harmonie

Wenn Ihr diese Liste nun unter dem Blickwinkel des zusätzlichen Mutter - oder Vaterseins durchlest, werden Euch sicherlich schon einige Besonderheiten bewusst.

Wasserfall Tasmania

Das Leben im Einklang mit unserem wunderbaren, sensiblen Urzustand, umfasst tiefes Wissen. Wir können Dinge erahnen, bevor sie deutlich werden. Wir sehen Zusammenhänge, die noch nicht deutlich sind. Wir können Bedürfnisse unseres Gegenübers erspüren, noch bevor dieser sie ausdrückt. Wir sehen das Glück in den kleinen Details und können die kreative Meinungsäußerung ehren.

All diese Aspekte erleichtern uns den feinfühligen Kontakt zu unseren Kindern, denn
Kinder…
- benötigen Eltern, die ihre Bedürfnisse wahrnehmen und respektieren, auch und gerade in Momenten, in denen sie diese nicht selbst zum Ausdruck bringen können
- feiern die kleinen Freuden des Daseins, die in unserer schnelllebigen Welt kaum noch Beachtung finden
- folgen keinem Muster, wie „man sich auszudrücken hat“, sie finden eigene, neue und manchmal auch herausfordernde Wege
- bringen sich durchaus auch mal in schwierige Situationen, die brenzlig werden könnten, wenn sie nicht durch elterliche Vorahnung abgefangen würden
- wollen mental und körperlich wachsen und profitieren von feinfühliger Förderung in ihrem eigenen Tempo

Ja, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich durchaus magisch anfühlt, so eng verbunden zu sein. Worte sind nicht notwendig, um einander zu verstehen. Ich dachte immer, ich wüßte, wie sich die echte Herzverbindung anfühlt, doch erst mit der Geburt meines Kindes habe ich das volle Ausmaß an Liebe verstanden, zu welchem ich fähig bin.

„Home is where your heart is“ hat eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen.
Doch ich durfte auch lernen, dass meine Fähigkeit so viel zu spüren, zu verstehen und wahrzunehmen, ebenso deutliche Herausforderungen im Mutterdasein mit sich bringt.

Foto_Sonja_Brücke

Ich möchte deshalb nochmal vier wichtige Aspekte des verbundenen, sensiblen Da-seins unter dem Aspekt der Elternschaft beleuchten:

1. Überforderung durch viele sensorische Reize
Nun, sofort nach der Geburt liefern Kinder uns in jeder Sekunde eine Handvoll sensorischer Informationen: Eine völlig neuartige und teilweise sehr laute Geräuschkulisse, Gerüche verschiedenster Art, ständiger Körperkontakt und nicht zuletzt ständige energetische Verbindung und Beanspruchung. Mit zunehmendem Alter ändern sich die Schwerpunkte, doch eines bleibt: Kinder erkunden lautstark und nach allen Kräften das Sein. Und das ist gut so! So soll es
sein, so muss es sein.

Für hochsensible Personen kann es eine wahnsinnige Herausforderung sein, dass es laut, turbulent und völlig unkontrolliert zugeht. HSPler haben durchlässigere „Filter“ für Reize. Viel mehr Informationen dringen tagtäglich in unser Bewusstsein durch und unsere Aufmerksamkeit versucht ALLES zu betrachten. Genau dadurch entsteht die Überreizung, die dann in Stress übergehen kann. Akuter Stress geht mit der Ausschüttung bestimmter Botenstoffe einher (Adrenalin/Noradrenalin), eine länger anhaltende Stresssituation bewirkt dann Cortisolausschüttung. Kurzfristig sorgen diese Stoffe dafür, uns auf die „Notsituation“ vorzubereiten und am Überleben zu halten. Doch längerfristig kann ein erhöhter Cortisolspiegel gravierende physische und psychische Folgen haben. Wir alle haben schon oft gehört, dass dauerhafter Stress ungesund ist, doch es gibt sogar Nennungen in der Literatur, dass hochsensible Menschen schneller in den Zustand der Cortisolausschüttung
kämen. Sicherlich gilt es noch weitere empirische Belege zu bringen, doch in jedem Fall ist es wichtig Überreizung abzubauen und Stress zu reduzieren. Dies leitet mich direkt über zu dem nächsten Kennzeichen hochsensibler Personen:

2. Stresserleben bei zu vielen gleichzeitigen Anforderungen

Davon kann wohl jedes Elternteil ein Lied singen, oder? Mutti—Tasking (oder natürlich Vati-Tasking 😛 ) steht ganz oben auf dem täglichen Programm. Doch es ist tatsächlich ein Aspekt, der HSP-Eltern mehr aus der Ruhe bringen kann, als Nicht-HSPler. Erneut ist es die Fähigkeit, viele Reize und Aspekte wahrzunehmen, die unser System bei vielen, gleichzeitigen Anforderungen in Stress versetzt. Nun haben wir eben gerade bereits gelesen, dass Stress- insbesondere anhaltender Stress, der Cortisolausschüttung bewirkt- deutliche negative Folgen für uns haben kann und Stressmanagement für hochsensible Menschen einen zentralen Aspekt für das Wohlbefinden darstellt. Ich kenne diese Momente zur Genüge. Viele Einzelan-forderungen, die zusammen kommen, und auf einmal spüre ich wie ich meine Erdung verliere. Dabei ist es gar nicht so schlimm und alles für sich allein ge-nommen absolut schaffbar. In der Summe allerdings entsteht eine große Blockade. Mit Kind hat sich das Stresslevel nochmal deutlich intensiviert. Es ist außerdem zusätzlich ein von der Natur vorgesehener Zusammenhang, dass das Stresslevel der Mutter mit dem Stresserleben des Babys korreliert. Durch bestimmte Trainings- und Lebensumstände wird diese natürliche Verbindung in unserem eher naturfernen Leben leider oft recht früh schon unterbrochen. Doch Menschen, die im Kontakt zu ihrem feinfühligen Urzustand stehen, hören eben nicht auf, die Stressmomente intensiv wahrzunehmen. Somit kommen dann der eigene Stress durch Anforderungen und der übertragene Stress des Kindes im sensiblen Elternteil zusammen. Das intensive Spüren der Bedürfnisse des Kindes ist auch ein Anteil des nächsten Aspektes, den ich beleuchten möchte:

3. Starke Empfänglichkeit für die Emotionen der Umgebung

Da ist auf einmal ein Lebewesen 24 Stunden in Deinem Raum, durchlebt völlig roh und wild alle menschlichen Emotionen und Du bist immer nah dran. Das klingt schon so geschrieben herausfordernd für Dich als HSP, nicht wahr? Gelebt ist es das noch vielmehr. Ich durfte das recht schnell von meinem Sohn lernen. Er hat schon von Geburt an eine unglaubliche Willenskraft, aber auch ein sehr intensives Frustrations-erleben. Niemals hatte ich es für möglich gehalten, dass Babys bereits in so jungem Alter so bestimmt sein können. Ich wurde schier überrannt von seinen Gefühlen. Eben ging es mir noch gut, ich war dabei meinen Herzbuben ins Bett zu bringen und auf einmal packte mich diese Gefühlswelle. Ich zweifelte an mir und ging hart mit mir ins Gericht, denn ich empfand in manchen Situationen innerlich eine Frustration, die ich von mir wirklich nicht kannte. Ich habe mich bereits lange privat sowie beruflich mit solchen Übertragungserlebnissen auseinandergesetzt und die emotionale Abgrenzung trainiert, aber diese Gefühle waren so nah an mir dran- es fühlte sich einfach an wie meine eigenen! Nach einigen Malen, in denen es aufkam, verstand ich, die Gefühle kamen stets in ähnlichen Situationen, z.B. wenn mein Lütte schlafen wollte, aber nicht konnte. Ganz bewusst habe ich daraufhin Abstand genommen und mich darin trainiert, seine Gefühle nicht zu meinen zu machen. Ja, ich musste es wirklich nochmal ganz NEU TRAINIEREN. Es war eine Nähe und Ebene, die ich mit niemandem zuvor erlebt hatte. Und auf einmal konnte ich wieder ruhig und in Liebe für ihn da sein, ohne von seinen Stürmen mitgerissen zu werden. Bis heute weiß ich nun, wenn diese Frustration an meine Tür klopft, dann ist bei ihm etwas im Argen. Jetzt kann ich es als zusätzliche, hilfreiche Informationsquelle nutzen, doch der Beginn war wirklich schwierig und aufreibend. Diese Über-tragungen finden jedoch den ganzen Tag über statt und es können stets andere
Emotionen im Vordergrund stehen. Dementsprechend ist es wohl ein lebenslanger
Lernprozess und ein anspruchsvoller noch dazu…

4. Bedürfnis nach Balance und Harmonie

Harmonie ist doch das Gegenteil von Stress, oder? Fragst Du Dich vielleicht, warum es einen potentiellen Stressfaktor verkörpern soll, sich nach Balance zu sehnen? Ich werde mich bemühen, es so gut wie möglich zu erläutern.

Hochsensible Menschen spüren - wie oben beschrieben - die Bedürfnisse der umgebenden Lebewesen sehr genau. Dabei möchte ich mich auch nicht nur auf Menschen begrenzen, denn auch andere Lebewesen, z.B. Haustiere, werden genau erspürt und wahrgenommen. Es besteht sehr oft eine Tendenz, im Umfeld für Balance zu sorgen. Das hat sicherlich unterschiedliche Gründe. Wenn es sich zum Einen so deutlich darstellt, was jemand anders braucht, erscheint es zumeist wie unterlassene Hilfeleistung, dem nicht nachzugehen. Zum Anderen bewirken Spannungen in der Umgebung auch innere Spannungen in der sensiblen Person, so dass eine Wiederherstellung der Balance auch einen Eigennutzen hat- das eigene
Spannungsempfinden wird so gleichzeitig auch gesenkt. In jedem Fall ist also festzuhalten, dass HSPler eine harmonische Umgebung bevorzugen.

Mit einem Kind (oder mehreren) und dem Leben in einer Familie, zeigen sich allerdings nochmal ganz andere Facetten. Einerseits entsteht der natürliche Drang, die Bedürfnisse des Kindes möglichst sofort zu beantworten. Dabei kann anderer-seits jedoch ein Konflikt entstehen, wenn zeitgleich mehrere Bedürfnisse unerfüllt im Raum stehen. Schon entsteht ein Stresspunkt, denn nun gilt es viele „dringliche Anforderungen“ ganz schnell zu lösen. Dabei ist außerdem nicht zu vernachlässigen, dass HSPler schnell auch ihre eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Gesamtbalance hinten anstellen und in ein Defizit rutschen. Auch dies kann längerfristig zu Problemen führen. Der Wunsch möglichst ausgleichend einzuwirken, kann
außerdem bewirken, dass sie sich schnell verantwortlich fühlen, schwer die Verantwortung abgeben können oder eben sofort als erste an „der Front stehen“, um Aufgaben anzunehmen. Ich weiß nicht, wie Du es erlebst, aber mir persönlich fällt es z.B. einfach schwer, wenn ich spüre, dass eine andere, versorgende Person einfach nicht in gleichem Maße fein erfühlt, was mein Kind mitteilt oder braucht. Dann kann ich noch schlechter loslassen, um mir auch mal Ruhezeiten zu gönnen. Wenn ich dann noch wahrnehme, dass z.B. mein Mann nicht in bester Verfassung ist oder erschöpft, möchte ich ihn nicht auch noch bitten, das Kind zu hüten. Ich spüre ja deutlich, wie es ihm geht und versuche oftmals dann noch eher ihn zu unterstützen.
Also versuche ich es doch alleine zu stemmen, gerate dabei allerdings selbst unter Spannung.

Offene, klare Kommunikation erweist sich hierbei als das A&O, doch auch das ist manches Mal einfacher geschrieben, als getan.
Ein anderer wichtiger Anteil dieses Punktes ist, dass Kinder nicht immer in Harmonie leben (wollen oder können). Alle Kinder erkunden, fragen, testen und das im besten Falle so wild, frei und wunderbar wie möglich. Das bedeutet, dass manche Konflikte wirklich natürlich sind, sich allerdings für feinfühlige Menschen unfassbar schlimm anfühlen können. Ich kenne es selbst von mir- das Hinterfragen und Durchdenken solcher Momente mit Selbstkritik bis hin zu Selbstverurteilungen. Der Blick für den Moment wird dann oft verschleiert von (alten) Ängsten. Ich durfte bereits durch viele Lebewesen lernen, mein Herz und mein Zentrum auch in Konfliktmomenten nicht zu verlieren, sondern bewusst auch Grenzen zu äußern, wenn es notwendig wird. Es lehrte mich eine neue Ebene von Bewusstsein, doch das bedeutet nicht,
dass es mir stets leicht fällt oder gar immer gelingt. Es ist vielmehr meine Aufgabe, bei all den Herausforderungen des irdischen Lebens, den Pfad der Liebe nicht zu verlieren- und dabei spielt die SELBSTLIEBE die wohl zentralste Rolle. In diesem Sinne zitiere ich hier einen Ausschnitt aus einer der bewegendsten Reden, die ich bisher gelesen habe.

Charlie Chaplin hielt sie anlässlich seines 70. Geburtstags (16. April 1959):
„Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit
was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das “gesunden Egoismus”,
aber heute weiß ich, das ist “Selbstliebe”. „

Lies in meinem nächsten Beitrag einige herzfokussierte Anregungen für Deine
Selbstfürsorge, Deine Partnerschaft und Deine Beziehung zu Deinem Kind unter dem Gesichtspunkt der hoch-sensiblen, tief-verbundenen Elternschaft.
Wenn Du das Gefühl hast, dass Du gerne Begleitung zu diesem oder anderen Herzensthemen hättest, dann kontaktiere mich gern auf meiner HP www.anahataretreataustralia.com oder
per Mail anahataretreat@mail.com

Foto_Sonja_Brücke_mitPerson

Gern gehe ich diesen Weg besonderer Herausforderungen mit Dir zusammen!

Deine Sonja Lynch

Foto_Sonja

Sonja Lynch ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebt seit 2015 jedoch in Australien. Dort lebt sie auf der Familienfarm ihres Mannes. Sie züchten u.a. Rinder, haben frei lebende Pferde und erleben die Magie der Natur auf täglicher Basis. Seit 2018 bereichert ihr gemeinsamer Sohn das Familienleben. Ein Glück, welches mit Worten kaum zu beschreiben ist. Beruflich ist Sonja Diplom-Psychologin sowie Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin. In diesem Beruf arbeitete sie in Deutschland die Jahre vor ihrer Auswanderung und aktuell bemüht sie sich um die australische Anerkennung.

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