Wir sind nicht Anti-Kita, wir sind kindergartenfrei!

Die Berliner Zeitung veröffentlichte am 15.7. einen Artikel über die sogenannte Kitafrei-Bewegung, in dem Mütter, Blogger und Netzwerker zu ihrer Haltung befragt wurden. Der Text, der dabei herausgekommen ist, löste eine Kontroverse aus. Wir Befragten sehen uns veranlasst, jeweils eine kurze Antwort an die Berliner Zeitung zu verfassen, die an dieser Stelle gemeinsam veröffentlicht werden.

 

Juliane möchte sich folgendermaßen zum Zeitungsartikel äußern:

Liebe Sabine,

nachdem ich deinen Artikel gelesen hatte, bin ich durch eine ganze Bandbreite an Emotionen gegangen. Erst war ich enttäuscht. Dann wütend. Dann wollte ich unbedingt zurückschlagen, dachte, das kann ich doch nicht so stehen lassen! Und jetzt denke ich schon wieder: "Ach, komm. Was soll's." Ich habe beim Interview mein bestes getan, um zu erklären, dass kitafrei eben nicht freaky ist, sondern eine ganz normale Lebensform. Nicht so gängig bei uns vielleicht, aber ganz normal. Weder elitär noch fanatisch noch abgrenzend und schon gar nicht frauenfeindlich. Kann Feminismus nicht nur bedeuten, dass Frauen WAHLFREIHEIT haben? Aber wie auch immer, jetzt fange ich doch wieder an, zu  kommentieren. Wollte ich doch eigentlich nicht. Denn wenn wir uns bei unserem Gespräch so massiv missverstanden haben, dann würde das hier wahrscheinlich auch wieder passieren. Also spare ich uns beiden die Arbeit. Und möchte nur anderen Eltern noch was sagen zum Schluss: Ihr Lieben, solltet ihr überlegen, eure Kinder noch ein bisschen länger zu Hause zu behalten: macht das! Traut euch! Es gibt Wege, es gibt Netzwerke, es gibt Unterstützung. Eure Kinder werden auch ohne Kita Freunde finden, sich weiter entwickeln und selbstständig werden. Das können die von ganz allein. Alles zu seiner Zeit.

 

Frida Mercury von 2KindChaos schreibt dazu folgendes:

Kindergartenfrei Leben ist bei jeder Familie eine individuelle Geschichte und wird aus den unterschiedlichsten Gründen gelebt. Hierbei geht es in den seltensten Fällen um ein überzogenes Ideal, das an der Realität vorbei geht. Im Gegenteil: oft entsteht dieses Modell aus der Not heraus, weil die Kinder nicht mit dem System Kindergarten klar kommen. Individuelle Betreuung und bindungsorientierte Erziehung ist oftmals nämlich nicht möglich. Auch diejenigen, die sich aus Überzeugung für Kindergartenfrei entscheiden, machen das nicht, um ein Paralleluniversum zu kreieren, sondern um ihren Kindern mehr zu bieten. Wer sich über diesen Lifestyle informieren möchte, ist herzlich eingeladen, das auf besagten Blogs und Plattformen zu tun. Der Artikel in der Berliner Zeitung ist nicht nur sehr einseitig, sondern auch polemisch geschrieben. Einige Zitate werden aus dem Kontext gerissen und durch neue Zusammenhänge erscheinen die Zitierten in einem unangemessen ideologischen Licht, von dem wir uns hiermit distanzieren möchten.

 

Jenniffer von Berufung Mami hat dazu einen ganzen Blogartikel geschrieben, aus dem ich hier ein paar Textzeilen zitieren werden.

...Auf den ersten Blick scheint der Artikel harmlos. Doch wer die Fähigkeit besitzt, zwischen den Zeilen lesen zu können, der merkt schnell: Frau Rennefanz triggert das Thema ganz schön…

...Die literarische Glanzleistung liest sich wie die Warnung vor einer Sekte, die gefährlich wächst. „Die Selbstbetreuerinnen treten selbstbewusst auf, sie sehen sich als eine Art Elite-Eltern“, heißt es in dem Artikel. Sind Seltenheiten nicht immer irgendwie besonders? Schon alleine weil andere sich dafür interessieren. Die jüngsten Zahlen des Bundesfamilienministeriums weisen übrigens 93,6 % kitabetreute Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren auf. Also nur 6,4 % kitafrei. Tendenz steigend. Warum man uns aber als „Elite“ bezeichnen muss, finde ich fragwürdig. Eigentlich sogar bösartig. Oder sind Randgruppen immer elitär?!

...„Die Bewegung hat Anhänger in Ost und West, auf dem Land und in der Großstadt, sie gilt als Sammelbecken für Alternative, Esoteriker, Impfgegner, konservative Christen“, heißt es weiter. Moment mal, das ist jetzt aber schlecht recherchiert, Frau R-Punkt. Sie vergaßen vegan, baby-led-weaning und Reboarder zu erwähnen. Aber zumindest in meinem Falle gestehe ich ein, dass sie damit nicht so ganz falsch liegen. 😉

...Auch Frau Viernickel, eine der renommiertesten Kita-Forscherinnen in Deutschland, die zahlreiche empirische Studien durchgeführt hat, kommt zu Wort.

Auf die Frage „Werden aus Kindern, die eine Kita besuchen, unsichere und depressive Erwachsene?“ antwortet sie: „Das ist völlig aus der Luft gegriffen, da gibt es keinen Zusammenhang. Im Hinblick auf die spätere Lebenstüchtigkeit mache es keinen Unterschied, ob die Kinder in den ersten Lebensjahren zu Hause oder in einer Einrichtung betreut wurden. Im sprachlich-kognitiven und sozial-emotionalen Bereich kann ein Besuch einer guten Kita sogar von Vorteil sein.“ Nun befinden wir uns wieder bei den unter Dreijährigen. Man muss aber einen ganz deutlichen Unterschied machen zwischen Kindern unter drei und Kindern über drei Jahren. Darüber alleine kann ich einen eigenen Artikel schreiben. Oder meinen Vortrag „Warum die Selbstbetreuung in den ersten drei Jahren so wichtig ist“ empfehlen...

Den ganzen Artikel von Jenniffer gibt es hier zu lesen: https://berufungmami.de/gestatten-elitaere-pendelschwingende-alternative/

 

Alexandra von kindergartenfrei.org schreibt dazu folgendes:

Kindergartenfrei ist ein Netzwerk. Eine Bewegung. Wir wollen allen Eltern Mut machen die Betreuung ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Denn Kinderbetreuung ist Familiensache. Wir haben uns im deutschsprachigen Raum vernetzt, wir organisieren Treffen vom Spielplatz bis zum Sofa. Wir sind nicht Anti-Kita, sondern wir sind Kindergartenfrei. Wir sind Pro Freiheit. Es ist nicht unser Anliegen gegen Kindergärten zu hetzen, sondern wir wollen aufklären, informieren und bestärken. Wenn man auf unserer Seite Artikel findet, die eine Kindergartenbetreuung kritisieren und auf Studien verweisen hat das seine Berechtigung. Wir können nicht die Fakten unter den Tisch kehren, nur weil sich die Mehrheitsgesellschaft kritisiert fühlt. Wir erheben die Stimme für die Kleinen. Für diejenigen die nicht zu Wort kommen und überhört werden. Wir sind so frei. Kindergartenfrei.

 

Hier nun meine Gedanken zum Thema:

Die Anfrage von Frau Rennefanz signalisierte ein ernsthaftes Interesse an den Erfahrungen und Hintergründen zur Entscheidung, kitafrei zu leben. Das gemeinsame Gespräch fand in einer freundlichen Atmosphäre statt, war vertrauensvoll und tiefgründig. Viele Aussagen fanden auch Eingang in den Artikel, sodass er interessierte Eltern inspirieren kann, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Nur schien der Artikel nicht für diese Eltern gedacht gewesen zu sein. Denn es fanden sich auch Eindrücke in dem Artikel wieder, die mich schon sehr verwundern - und es wurden Zusammenhänge ausgelassen, um diese Eindrücke zu untermauern. Sei es drum, wir sind eben abgehobene Exoten, die sich ihren Kindern unterordnen.  

 

Liebe Frau Rennefanz. Sie meinten auf Twitter, dass sie sich persönlich angegriffen gefühlt haben. Das war nicht unsere Intention und fand auch nicht auf persönlicher Ebene statt. Im Gegenteil. Selbstverständlich können Informationen ein Infragestellen von Gewissheiten, Haltungen und Entscheidungen auslösen. Ob man nun dieser Irritation nachgeht, steht jedem frei. Für meinen Teil mache ich Eltern keinen Vorwurf für die Haltung, die sie momentan haben und die Wege, die sie gerade gehen. Dogmatismus bringt da nix, schließlich war ich früher auch von ihrer Haltung überzeugt. Mittlerweile sehe ich, dass es in der Fremdbetreuung zu viele “Wenns” gibt. Wenn die Qualität, wenn der Betreuungsschlüssel, wenn die Finanzierung und so weiter gut wären, dann sei ja alles gut - und unser Weg daher der Exotische. Nur schreiben ihre Kollegen ja selbst immer regelmäßiger, dass diese “Wenns” tatsächlich die Ausnahme sind. Setzen wir uns doch lieber dafür ein, dass es tatsächlich eine Verbesserung der Kitaqualität gibt. Bis dahin sollte es aber das Normalste sein, wenn Mütter auch deswegen ihre eigenen Wege gehen.

Frau Rennefanz, in ihrer Anfrage hieß es, dass ihre Mutter für ihre Entscheidung, sie nicht in die Kita zu geben, angefeindet wurde. Ihr Artikel erzeugte bei ihren Lesern überwiegend ein solches Echo in unsere Richtung. Wer weiß, was ihre Mutter damals dazu bewogen hatte. Es gibt Mütter, die spüren, dass es für sie die richtige Entscheidung ist - und es gibt Mütter, die erarbeiten sich diese Entscheidung rational und anhand von Erfahrungen. Wie wäre es denn, wenn sie einmal den rationalen Weg nachrecherchieren? Wir haben ja viele Quellen, Forscher und Studien benannt, auch außerhalb der Populärwissenschaft, während sie nur eine Kita-Forscherin zum möglichen Schaden unseres Tuns befragten. Dabei können gerade diese von uns genannten Hintergründe Ausgangspunkt für spannende Recherchen und Debatten werden. Ja wenn man sich denn wirklich für diese Thematik und Hintergründe interessiert. Vielleicht kommt das ja noch. Wir können dann noch einmal zurückblicken und wieder von Vorne anfangen.

 

Für uns Befragte war es eine interessante Erfahrung, aus der wir einiges mitgenommen haben. Kindergartenfrei.org durfte eine Menge neue Mitglieder und Interessenten willkommen heißen. Im Anschluss der Veröffentlichung erreichten uns weitere Anfragen, u.a eines privaten Fernsehsenders, der dran blieb und nachhakte. Doch diesmal wurde nachgefragt: “Was ist der Zweck der Veröffentlichung?” “Wie soll das Thema dargestellt werden?” “Wie das Material verwendet werden?”. Eine Idee der Redakteure war es, einen Beitrag zu produzieren, bei dem eine Mutter mit einer Erziehungswissenschaftlerin zusammengebracht wird. Daher wurde weiter gefragt: “Wer ist die Wissenschaftlerin und wie ist ihre Position?” “Worin wird dieser Beitrag eingebettet?” “Was soll transportiert werden?”. Es wurde von unserer Seite Interesse an weiteren Darstellungen signalisiert, doch schienen die Fragen abgeschreckt zu haben, denn man hörte danach dann nichts mehr.

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