Was ist Bindung und wie wird sie gestärkt

Bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft  

Jeder Mensch, ob groß oder klein, hat das Bedürfnis sich an andere zu binden. Stell dir vor du kommst auf die Welt und bist vollkommen schutzlos und hilfebedürftig. Du sehnst dich nach Liebe, Geborgenheit und Nähe. All das bekommt dein Baby im besten Falle von dir und seinem Vater. Je mehr sich das Baby verstanden und angenommen fühlt, desto stärker wird das Band zwischen euch werden. Umso feinfühliger und auch korrekt du auf die Signale deines Babys eingehst, desto mehr fühlt es sich geliebt und geborgen. Evolutionär gesehen ist Bindung dazu da, das Baby vor Gefahren aus der Umwelt zu schützen – sie ist überlebensnotwendig. Damals, als es noch gefährliche Raubtiere gleich um die Ecke gab, wurden Kinder nicht einfach in ihr Bettchen gelegt und alleine gelassen. Nein, sie waren immer dicht an ihren Eltern dran, welche für Schutz sorgten. Das Kind wurde nicht einfach abgelegt, weil die Gefahr von einem Säbelzahntiger gefressen zu werden oder zu erfrieren einfach zu hoch war. In der heutigen Zeit gibt es zwar keine gefährlichen Raubtiere mehr, aber das wissen die Kleinen nicht. Sie sind noch darauf „programmiert“ immer eine fürsorgende Person um sich haben zu wollen. Wir haben heutzutage zwar warme Kleidung für sie, dennoch benötigen sie immer noch viel Nähe, um sich wirklich wohl und behütet zu fühlen. 

Wenn sie geboren werden erkennen sie deine Stimme wieder, die ihnen schon im Mutterleib vertraut war. Sie können dich riechen, beim Stillen schmecken und sie spüren deine warme weiche Haut, wenn sie auf deinem Arm einschlafen. Und das ist genau das was sie brauchen, vor allem in der ersten Stunde nach der Geburt - der sogenannten sensiblen Phase. Das Neugeborene muss erstmal im Hier und Jetzt ankommen. Alles ist auf einmal anders. Die Luft, die Geräusche und die Gerüche. 

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Oxytocin, das allgemein bezeichnete Kuschelhormon, unterstützt zusätzlich die emotionale Bindung zwischen deinem Baby und dir direkt nach der Geburt und die ganze Stillzeit über. Es wird beim Gebären, Stillen und Kuscheln ausgeschüttet. Es wirkt beruhigend, stressregulierend, euphorisierend und angstlösend. Oxytocin führt beim Stillen des Babys zu Kontraktionen der Gebärmutter und fördert somit deren Rückbildung.

Du kannst die Bindung durch liebevolle Zuwendung stärken, indem du mit deinem Baby in eine Art spielerischen Kontakt gehst. So kannst du beispielsweise seine ersten Brabbellaute erwidern und auch erweitern und es damit spiegeln und zu mehr Lauten anregen. Du kannst es auf den Arm nehmen, wenn es seine Arme nach dir ausstreckt. Du kannst sein Zungeherausstrecken erwidern und daraus kann sich ein lustiges Spiel entwickeln. Dein Baby spürt seine Selbstwirksamkeit, es bemerkt, dass es mit gewissen Interaktionen etwas ausrichten sowie Dinge beeinflussen kann und fühlt sich dadurch ernst genommen.  

Bindung ist in vielerlei Hinsicht nützlich. Sie macht dich als Mutter empfänglich für die Bedürfnisse deines Kindes und dies fördert gleichzeitig die Harmonie zwischen euch, welche den Vorteil hat, dass das Kind besser mit den Eltern kooperiert, wenn es etwas älter ist. Eine starke Bindung macht aus Kindern selbstbewusste, eigenständige und empathische Menschen, die die Grenzen der anderen respektieren.  

Umso feinfühliger du als Mutter auf die Bedürfnisse deines Babys reagierst, desto stärker wird die Bindung. Aber Feinfühligkeit alleine reicht nicht aus. Es bedarf noch weiterer Eigenschaften. Du solltest zudem auch prompt und richtig auf die Signale deines Babys reagieren. Muss es schreiend erst einmal 2 Minuten warten, bis du zu ihm kommst, bedeutet dies enormen Stress - das Stresshormon Cortisol steigt. Hinzu kommt, dass dein Baby keine Raum- und Zeitvorstellung besitzt. Was für dich nur 2 Minuten sind fühlt sich für dein Baby wie eine Ewigkeit voller Angst und Verzweiflung an. Es fühlt sich hilflos, kann sich nicht bewegen, sieht dich nicht - es kann nur schreien. Und genau aus diesem Grund ist schnelles Reagieren so enorm wichtig. Denn nur dann fühlt es sich richtig verstanden, wahrgenommen und kann Vertrauen zu dir aufbauen. Vertrauen in die Mutter zu haben, heißt auch gleichzeitig Vertrauen in die Umwelt zu haben. Das was man dem Kind mit auf dem Weg gibt, wird es wiederum nach außen tragen. Gehen wir immer auf die Bedürfnisse des Kindes ein, wird es dies später, wenn es reif genug dafür ist, auch mit seinen Mitmenschen tun. Vorleben heißt die Devise.  

Aber nicht nur du als Mutter kannst für eine sichere Bindung zum Kind sorgen, sondern auch der Vater. Er kann bereits während der Schwangerschaft eine Bindung zum Kind aufbauen. Indem er leise und sanft zu ihm spricht, der Mutter den Bauch einreibt und dem Baby Lieder vorsingt. Du bist zwar nach der Geburt durch das Stillen meist die Hauptbindungsperson, aber der Vater kann durch feinfühliges Verhalten die Bindung zum Baby ebenfalls stärken.

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Sollte das Stillen aus irgendeinem Grund nicht gelingen oder ist nicht gewollt, so kann der Vater dem Baby auch die Flasche geben und ihm währenddessen in die Augen schauen und ihm nette Worte zuflüstern. Er kann es wiegen, trösten und tragen genau wie du. Die Bindung zum Vater spielt zu Beginn der Autonomiephase, in der das Kind immer selbstständiger werden möchte, eine immer bedeutendere Rolle. Der spielerische Umgang zwischen Vater und Kind stärkt die psychosoziale Entwicklung des Kindes. Er sollte das Kind während des Spiels nicht über- oder unterfordern und feinfühlig auf die Bedürfnisse nach Hilfe, Unterstützung, Beruhigung oder auch Trost eingehen können.

Weiterhin kann die Bindung zwischen Eltern und Kind durch das Tragen im Tragetuch und das Schlafen im Familienbett gestärkt werden, denn es ist dadurch in ständigem Körperkontakt.

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Schläfst du gern völlig allein in einer noch unvertrauten Umgebung? Gerade für die Kleinsten, die ja noch auf Urzeit „programmiert“ sind, bedeutet zusammen schlafen Sicherheit. Das Familienbett hat gleich mehrere Vorteile, da Körperfunktionen des Babys reguliert werden. Die Atmung  wird beispielsweise reguliert, weil dein Baby deine Atmung hört. Da Neugeborene noch zu Atemaussetzern neigen ist dies eine gute Vorbeugemaßnahme. Weiterhin passt sich der Schlafrhythmus von dir und deinem Kind an. Du bist also besser in der Lage, auf dein Baby zu reagieren, wenn es wach wird und eventuell Probleme hat. Du bist durch das Familienbett auch besser in der Lage, auf die Körpertemperatur deines Kindes zu achten. Ein großer Vorteil für dich ist, dass du in der Nacht nicht extra aufstehen musst, um dein Baby zu stillen oder ihm das Fläschchen zu geben. Du kannst dabei im Bett liegen bleiben und danach weiterschlafen.  Dein Baby kann deinen Herzschlag hören, mit dem es sich schon im Bauch vertraut gemacht hat. Dies gibt ihm Sicherheit.

Geschichtliches
Der regelmäßige Körperkontakt ist für Babys von hoher Bedeutung und auch überlebensnotwendig, wie sich in einem Experiment von Kaiser Friedrich II herausstellte. Er übergab Ammen Waisenbabys und diese durften lediglich gefüttert und gesäubert werden. Die Ammen durften kein Wort mit ihnen wechseln und auch liebevolle Zuwendung waren ihnen strengstens verboten. Er wollte die Ursprache der Menschheit herausfinden. Zu seiner Überraschung verstarben alle Babys! Das zeigte, wie wichtig emotionale Fürsorge ist. Bloßes Füttern und Körperpflege allein reicht nicht aus. Wir alle benötigen Kuscheleinheiten! Und gerade die Jüngsten, ist doch die Haut ihre unmittelbare Verbindung zur Umwelt.

Und auch das Tragen deines Babys im Tragetuch hat mehrere Vorteile, beispielsweise, dass sich dein Baby durch den innigen Körperkontakt sicher und geborgen fühlt. Es kann seine Umwelt besser entdecken und wahrnehmen, dadurch, dass es auf Augenhöhe mit dir ist. Dein Baby lernt dadurch gleichzeitig sein Umfeld zu beobachten, als wenn es einfach nur im Kinderwagen liegt. Tragen fördert die motorische und soziale Entwicklung und unterstützt den Gleichgewichtssinn, welcher wiederum wichtig ist, um Balance zu halten, wenn es laufen lernt. Darüber hinaus kann sich dein Baby in berunruhigenden Momenten bei dir rückversichern, ob alles in Ordnung ist. Es liest sozusagen die Mimik in deinem Gesicht. Du kannst ihm also durch ein kurzes Lächeln signalisieren, dass alles in Ordnung ist.

Kurz und knapp: getragene Babys sind i. d. R. ausgeglichener und zufriedener und daher auch leichter zu handhaben.

Bindung und Erkundungsdrang

Dein Kind möchte sich bei dir gut aufgehoben fühlen aber auch seine Umwelt erforschen, entdecken, fühlen und bestaunen. Dies kann es jedoch nur, wenn es sich einer guten Bindung zu dir sicher ist. Es will, dass du bei Gefahr sofort zur Stelle bist, um es zu beschützen. 

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Es kann sich nur in die große weite Welt wagen, wenn es sich sicher und geborgen fühlt und wenn es weiß, dass es getröstet wird, wenn es sich vor einem großen Hund erschreckt oder beim Hinfallen verletzt hat. Ist die Bindung zu dir schwach, wirkt sich das auch auf das Erkundungsverhalten aus - es wird dadurch weniger lernen. Daher ist es wichtig, einerseits Sicherheit auszustrahlen und andererseits dein Kind zu ermutigen neue Dinge auszuprobieren. Mit deinem Halt im Rücken, kann sich dein Kind probieren, Selbstwirksamkeit erfahren und Vertrauen in seine Fähigkeiten fassen.


Bindungshierarchie

Zu Anfang spielt die Mutter die größte Rolle für ihr Baby. Doch nach und nach können sich Kinder auch an andere Personen binden. Neben der Mutter ist dies in der Regel der Vater. Später kann dann beispielsweise die Oma, der Opa, die Tante oder auch der nette Nachbar hinzukommen. Eben Personen, zu denen es einen regelmäßigen und freundlichen Kontakt hat. Zur Bindung allein reicht nicht die Pflege und das Erziehen eines Kindes aus. Es muss sich geborgen und angenommen fühlen, stets gesehen mit all seinen Bedürfnissen. Und so erweitert es sein Bindungsumfeld mit Personen, die fürsorglich mit ihm umgehen - zu denen es Vertrauen hat.

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