Warum wir kitafrei leben (wollen)

rennbild_Emilian

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich schon während der Schwangerschaft gefragt wurde, wann ich mein Kind in die Kita geben werde. Mein Sohn war also noch nicht einmal geboren und die Leute fragten mich, wann wir ihn denn quasi wieder abgeben würden. Er war noch nicht mal “angekommen” und ich sollte mich schon wieder von ihm verabschieden. Das hatte ich mir so nicht ausgemalt.

Als ich ihnen dann erzählte, dass ich 3 Jahre Elternzeit - mit der Option nach 2 Jahren wieder in Teilzeit zu arbeiten - nehme, guckten sie meist sehr erstaunt. Man wird gleich als Exot abgestempelt, der sein Kind nicht loslassen kann, der sein Kind nicht schon nach ein paar Monaten wieder weg gibt. Es kamen Argumente, dass ich doch wieder arbeiten müsse, um nicht zu lange “raus” zu sein. Das Kind braucht doch Sozialisierung und vor allem andere Kinder. Er muss doch lernen sich abzunabeln uws. Ganz zu schweigen von all den Gegenargumenten zum Stillen, Tragen und Familienbett, aber das ist ja ein anderes Thema und würde den Rahmen hier sprengen.

Wir hatten zwar anfangs noch vor unseren Sohn in eine Kita zu geben, dennoch nicht vor seinem 2. Geburtstag und dann auch erstmal nur für ein paar Stunden vormittags. Wir suchten uns Kitas raus und kamen auf diverse Wartelisten - die Wunschkita, also die auf dem Papier den besten Eindruck auf uns machte, sagte wegen Überfüllung schnell ab und auch die Alternativen waren überlaufen. Da wurde uns klar, dass wir wahrscheinlich gar keinen Einfluss auf die Betreuungsqualität nehmen werden können und wir wohl die Kita nehmen müssen, die am Ende übrig bleibt. Sollten wir russisches Betreuungsroulette spielen?

Zwischenzeitlich fing ich an viele Fachbücher zum Thema Bindung zu lesen und wir nahmen am Onlinekongress “Von der Bindung zur freien Bildung” teil. Die Fakten, die wir daraus für uns mitnehmen konnten, machten uns ein immer mulmigeres Gefühl, unseren Sohn in fremde Hände zu geben - obwohl WIR doch das sind, was er wirklich braucht. Wir bekamen auch Einladungen zur Kitabesichtigung, die wir dann aber absagten. Das Gefühl, das Richtige zu tun und unseren Sohn bei uns zu lassen festigte sich und wir beschlossen ein für alle Mal ihn nicht fremdbetreuen zu lassen. Es fühlte sich damals gut und richtig an -  und das tut es heute noch. Uns war damals klar, dass wir selber nach einer Lösung suchen müssen.

Wenn man sich für einen anderen Weg entscheidet, als der Mainstream ihn geht, muss man gut gewappnet sein, mit guten Argumenten, mit Ausdauer, einem freundlichen Lächeln und mit Selbstbewusstsein für das, was man sich für sich und sein Kind vorgenommen hat. Für ein Leben mit Kind und nicht ohne Kind. Für ein Leben, indem das Kind die volle Aufmerksamkeit seiner Eltern bekommt, die auf all seine Bedürfnisse eingehen können und das 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche.

Wir haben uns für kitafrei entschieden, weil wir auch bewusst an dem Leben und der Entwicklung unseres Sohnes teilnehmen wollen. Wir möchten ihn nicht früh um 8 Uhr abgeben und ihn dann erst wieder 16/17 Uhr abholen, um dann noch gestresst schnell einkaufen zu gehen, schnell noch Abendessen zu kochen, um ihn dann schon wieder ins Bett zu stecken, weil er ja am nächsten Morgen wieder pünktlich in der Kita sein muss. Ich könnte es mir jetzt nicht mehr vorstellen, ihn für die meiste Zeit des Tages zu fremden Menschen zu geben, die schon genug mit 5 - 7 anderen Kindern zu tun haben und die deswegen nicht auf alle Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eingehen können.

Ich möchte hier keine Kritik an den Erzieherinnen üben, sie haben weiß gott genug zu tun und werden zudem auch nicht annähernd gut bezahlt, wie es ihnen eigentlich zustehen würde. Meine Kritik gilt eher der Politik, die seit Jahren weiß, dass es für unsere Kinder das Beste ist, wenn sie bei ihren Eltern aufwachsen. Vor allem die ersten 3 Jahre sind da ausschlaggebend und wichtig. Aus Studien weiß man, dass Kleinkinder unter enormen Stress stehen, wenn sie sich den größten Teil des Tages in einer, teils sehr lauten, Kita aufhalten (müssen). Der Cortisolspiegel der Kinder ist vergleichbar hoch mit denen von Topmanagern, die gerade dabei zusehen müssen, wie ihr Geschäft den Bach hinunter geht. Kinder sind noch nicht in der Lage sich selbst zu regulieren, dafür brauchen sie liebevolle Zuwendung und Fürsorge von uns Erwachsenen - die dafür auch die nötige Zeit haben müssen.

Meine Kritik geht auch nicht an die Eltern, die es sich nicht anders leisten können, als ihre Kinder abzugeben, um auf Arbeit das Geld zu verdienen, welches sie dann wiederum in die Kita stecken müssen. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, weil wir es uns zum Glück leisten können. Wir haben unser Leben enorm zurückgeschraubt. Wir haben, als unser Sohn noch nicht trocken war, mit Stoffwindeln gewickelt. Wir haben uns die teuren Babygläschen gespart und haben ihn einfach bei uns mitessen lassen. Wir haben auf viel Schnickschnack verzichtet und meist Second Hand Klamotten und auch Spielzeug gekauft. Einem Kind ist es doch total Wurst, ob es nun eine nigelnagelneue Jacke trägt oder ob diese gebraucht ist, solange sie ihren Nutzen erfüllt und keine Löcher hat. Kinder haben doch noch gar keine hohen Ansprüche wie so manch Erwachsener, nur Bedürfnisse nach Nähe, Liebe, Sicher- und Geborgenheit.

Und wer könnte ihm das alles geben, WENN NICHT WIR?

Keiner kennt mein Kind besser als ich. Keiner versteht mein Kind besser als ich. Er braucht mich noch so doll - und das darf er auch. Wenn er in die Kita gehen würde, könnten wir nicht so oft zusammen im Bett kuscheln - genau dann, wenn er es gerade braucht. Wir könnten ihm frühmorgens nicht die Zeit lassen, die er noch zum Spielen braucht. Er könnte sich nicht so frei entfalten, wie er es jetzt mit uns kann. In der Kita hätte er nicht die Möglichkeit einfach mal am Wegesrand anzuhalten, um 5 Minuten lang einen Ameisenhaufen zu beobachten.
Ich habe schon viele schlimme Situationen erlebt, die den Kindern so in ihrem Kita-Alltag passieren. Da werden Kinder vor den anderen Kindern von den Erziehern beschämt und angemault. Kinder dürfen sich nicht mal 30 cm aus der Gruppe wegbewegen - sie müssen sich ständig anpassen und gehorchen. Kinder weinen minutenlang(!) - und nix passiert. Kinder möchten zu ihrer Mama und niemand reagiert oder tröstet sie wenigstens. Das möchte ich meinem Sohn echt ersparen. Kinder brauchen ihre Eltern!

Ich möchte den bindungs- und bedürfnisorientierten Weg mit unserem Sohn gehen. Immer für ihn da sein, wenn er ein Wehwehchen hat. Ich möchte ihm solange die Sicher- und Geborgenheit bieten, bis er von sich aus entscheidet, dass er ein paar Schritte ohne uns gehen möchte. Ich möchte ihn nicht zur Unabhängigkeit zwingen, sondern ihn solange zur Abhängigkeit einladen, bis er selber soweit ist, um in die große weite Welt zu gehen - immer mit Rückenhalt durch uns.

 

“Aber ist das nicht anstrengend, den ganzen Tag alleine mit dem Kind?”. Mir wäre das ja nichts!”

Natürlich gibt es immer wieder mal Phasen in denen nicht alles rund läuft -  dann wird eben ausgiebig gekuschelt und dann ist`s wieder gut. Aber die meiste Zeit läuft eben alles rund. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, kennt man die “Spleens” seines Kindes und seine eigenen auch und kann dadurch unangenehme Situationen vorher einschätzen bzw. verhindern.

Ich behaupte nicht, dass wir nie Konflikte miteinander haben, die gehören halt in jeder Beziehung dazu, dennoch kann ich aus o. g. Gründen besser auf mein Kind eingehen. Ich habe mehr Zeit dafür, mich mit seinen Bedürfnissen auseinanderzusetzen und kann daher gut auf ihn eingehen. Ich kann mich voll und ganz auf ihn einlassen, weil ich nicht noch nebenbei andere Kinder betreuen muss. Ich kann im Notfall auch mal alles stehen und liegen lassen.

 

“Aber Kinder müssen doch gefördert werden! Das kannst du doch als Mutter ohne entsprechende Ausbildung gar nicht leisten!”.

Da stell ich mir die Frage: Wozu müssen wir unsere Kinder denn fördern? Weil sich sich schon ganz früh auf den Ernst des Lebens vorbereiten müssen? Am Besten schon im Mutterleib mit Mozart beschallen? Nein, das seh ich ganz anders. Jedes Kind hat seine eigene Entwicklung. Sie alle lernen von alleine sich auf den Bauch zu drehen, zu krabbeln, zu laufen, zu springen und zu sprechen. Dafür müssen wir sie nicht fördern, sondern wir brauchen dafür nur die passende Umgebung zu schaffen und uns zusammen mit unserem Kind über seine Fortschritte freuen. Ich wollte nicht die ersten Schritte meines Sohnes verpassen - was ja hätte passieren können, wenn er mit 10 Monaten schon in der Krippe gewesen wäre. Ich möchte sein Leben miterleben dürfen und mit ihm die Freude darüber teilen, wenn er es beispielsweise schafft, rückwärts zu laufen. Kinder lernen jeden Tag aufs Neue - jede Minute. Ich bin ein großer Fan von André Stern, ein sehr bekannter und erfolgreicher Freilerner - mehr muss ich dazu nicht sagen 😉

 

“Kinder brauchen doch Sozialisation! Er muss doch unbedingt unter andere Kinder kommen!”

Mit diesem Vorurteil hat man als Selbstbetreuer auch oft zu kämpfen. Aber was genau ist denn Sozialisation?

„Unter Sozialisation versteht man die Anpassung eines Individuums an die Gesellschaft, in der es lebt ... das Kind lernt, kulturelle Maßstäbe, Werte und Regeln zu übernehmen, auf denen die soziale Ordnung beruht.“

Aha. Warum sollte mein Sohn, wenn ich ihn selbst betreue, diese Maßstäbe, Werte und Regeln nicht lernen. Als würde ich meinen Sohn zuhause einsperren und ihm jeglichen Kontakt zur Außenwelt verwehren. Nein, auch wir gehen jeden Tag raus in das normale Leben, treffen Nachbarn, gehen zur netten Kassiererin einkaufen, treffen uns mit anderen Mamas und deren Kindern, gehen in Mutter-Kind-Cafès, wo er Kontakt mit anderen Menschen hat. Mir ist es wichtig, dass er Kontakt mit Menschen aller Altersgruppen hat und nicht nur mit Kindern. Und warum sollte er jetzt schon lernen sich extrem anzupassen? Er soll doch erstmal sein Selbst entwickeln. Nicht gleich ein Korsett über ziehen, sondern erstmal den Dingen ihren Lauf lassen.

Natürlich spürt er auch Grenzen, das sind aber vor allem natürliche Grenzen, wie eine viel befahrene Straße oder wenn er feststellt, dass er nicht bis zum Himmel springen kann. Da müssen wir ihm doch nicht noch zusätzlich unnatürliche Grenzen auferlegen, damit er sich anpassen muss  -  wie es in Kitas gang und gäbe ist.

Wir können unseren Tag so verplanen, wie wir es gern hätten. Wir haben die Freiheit zu entscheiden, was wir als nächstes unternehmen. Und wenn unser Sohn mal zuhause bleiben will, dann tun wir das. Er entscheidet selbst, wann er Mittagsschlaf macht und auch wann er abends ins Bett geht - ganz selbstbestimmt. Wie viel Selbstbestimmung ist denn schon in einer Kita möglich? Da geht es doch permanent darum, sich anzupassen, mit dem Strom zu schwimmen und wer nicht mitschwimmt, ist gleich der kleine Tyrann, der nicht hört. Da kommt es dann schnell zur (Ab-)Bewertung des Kindes. Doch jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus. Jedes Kind sollte ein Anrecht auf freie Entfaltung haben und nicht als gut oder schlecht abgestempelt werden, nur weil es mal nicht so möchte, wie die Erwachsenen.

Und es gibt immer mehr Eltern, die so unabhängig mit ihren Kindern leben möchten. Eltern, die ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen oder von zuhause aus arbeiten. Wir haben uns dafür unseren Familiengarten geschaffen. Ein Ort, an dem Arbeit und Kind vereint sein dürfen. Wir haben dort zwei Spielzimmer, in denen gespielt und gearbeitet werden kann. Einen Kreativraum, wo gebastelt und gemalt werden kann. Ein großes Schlaf- und Ruhezimmer, eine große Küche und einen Raum für Treffen und Hobby.

Wer mehr dazu erfahren möchte, kann dies hier tun:
https://berufungmami.de/2016/11/03/wie-wir-uns-selbstbetreutes-arbeiten-ermoeglicht-haben-ein-gastartikel/

Oder hier:

Das Wissen darüber, wie wichtig die Bindung in den ersten 6 Lebensjahren ist, hat uns unter anderem letztendlich dazu bewogen, dass wir uns gegen eine Fremdbetreuung entschieden haben. Die Bindung des Kindes an seine Eltern stärkt es sein ganzes Leben lang.

Immer wieder wird Müttern erzählt, sie können ihrem Kind doch gar nicht genügen.

Lasst euch bitte nichts einreden. Jede Mutter kann ihrem Kind das geben, was es für eine gesunde Entwicklung braucht - Nähe, Liebe, Sicher- und Geborgenheit, Akzeptanz und eine Beziehung auf Augenhöhe. Und für den Rest bringt das Kind von selbst Eigenschaften mit, um zu lernen und zu wachsen - das hat die Natur so angelegt. Kinder lernen einfach, indem sie spielen, spielen und spielen.

Wie haben es denn damals die Mütter gemacht, als es noch keine Kindergärten gab? Aus den Kindern ist doch auch was geworden!

Kein Kind würde von sich aus freiwillig in eine Kita gehen ohne seine engste Bezugsperson, welche in den meisten Fällen die Mutter ist. Deshalb wird die Eingewöhnungen häufig auch vom Vater gemacht, weil sich das Kind von diesem in der Kita besser trennen kann, was aber noch lange nicht heißt, dass diese Kinder ihre Mutter nicht vermissen.

 

Ich wünsche mir für die Zukunft zum Einen, dass es allen Eltern möglich ist, länger bei ihren Kindern zuhause zu bleiben und zum Anderen, dass sie dafür eine angemessene finanzielle Unterstützung erhalten - an Stelle vom Ausbau neuer Kitaplätze (Kosten pro Kitaplatz 1200 - 1500 €/Monat !)!

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2 thoughts on “Warum wir kitafrei leben (wollen)

  1. Liebe Mel, all diese gut gemeinten Ratschläge und sorgenvollen Blicke. Ich kenne sie zu gut. Auch ich, ich weiß es noch genau, habe unseren Sohn in einer Kita angemeldet, die Kinder ab zwei Jahren aufnehmen. Das ist ja noch soooo lange hin, dachte ich. Und mein Würmchen, den ich im Tragetuch dabei hatte, schlief so selig und er war sooo klein. Und dann, kurz vor seinem zweiten Geburtstag, kam der Anruf. Als es klingelte wusste ich: SIE sind es. Es ist soweit. Ich bin nicht drangegangen. Musste mich erst sammeln und überlegen, wie ich reagiere. Dann rief ich zurück. Sie sagten: „Wir möchten Ihnen einen Betreuungsplatz anbieten“. Mit pochendem Herzen höre ich diese Worte noch heute in meinem Kopf nachhallen. Gott sei Dank war ich vorbereitet und hatte mir zurechtgelegt, was ich sagen wollte: „Danke, aber danke nein. Mein Kind ist noch nicht soweit. Und ich bin es auch nicht. Wir möchten den Platz nicht in Anspruch nehmen.“ Ich bin mir fast sicher, der nächste Bewerber hat sich sehr gefreut. Doch für uns war es die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Mein Sohn wäre zu diesem Zeitpunkt zerbrochen.

    „Keiner kennt mein Kind besser als ich. Keiner versteht mein Kind besser als ich. Er braucht mich noch so doll – und das darf er auch.“

    Diese Worte hätten von mir stammen können.

    Danke, Mel, für Deine Worte! Und die Verlinkung. 🙂 Deine Jenn

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