Warum es so wichtig ist, sich wichtig zu sein

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Kennt ihr das, wenn ihr euch selber im Weg steht? Da ist so eine diffuse Unzufriedenheit gepaart mit dem Gefühl niemals genug geschafft zu haben – irgendwie nicht vom Fleck zu kommen und wenn doch, dann aber nicht schnell genug. Das Leben kickt euch rum wie einen Spielball und obwohl ihr immer wieder versucht euch abzufangen und in eine bestimmte Richtung zu rollen, schubst es euch wieder zurück in die alten Muster. Sich als Opfer seiner Umstände, anderer Leute (deren Meinung komischerweise meist wichtiger scheint als unsere eigene... – hä???) oder gar des eigenen Kindes zu empfinden, ist ein sch*** Gefühl. Punkt. Und wenn das eigene Kind unseren Mist dann auch noch abbekommt (obwohl es ja nun wirklich nix dafür kann!!), dann fühlen wir uns noch schlechter – und unser Kind mit.

Ich für meinen Teil wollte für mein Kind immer nur das Beste (oh richtig- da war ja was). Dass es sich in bestimmten Momenten von mir nicht geliebt fühlen oder sich für mich nicht als wertvoll empfinden könnte, gehört da sicher nicht dazu. Genau das passiert aber wenn wir es anbrüllen weil es nicht funktioniert wie wir wollen, nicht richtig zuhören, seine (kindlichen!) Bedürfnisse nicht so ernst nehmen wie unsere erwachsenen und seine Gefühle runterspielen. Wenn wir sogar übergriffig werden und unsere körperliche Überlegenheit (auch Machtmissbrauch genannt) demonstrieren, indem wir es einfach wegtragen, nur weil es uns gerade passt und weil wir es halt können - dann würde es mich nicht wundern, wenn es unseren Enkeln irgendwann einmal in ihrem Leben gleich ergeht wie uns. Warum tun wir das unseren Kindern an - und uns?

Weil die Angst vor dem Schmerz verlassen zu werden, so unendlich groß ist. Sie bedroht regelrecht unsere Existenz und wirft ihre Schatten auf unsere Handlungen, wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. ´Was könnten die Nachbarn denken?´, ´Das macht man so nicht´, ´Man sagt danke!´, ´Ich will ihn/sie nicht verärgern´.

Wir nehmen es in Kauf uns anzupassen, unser eigenes Wesen zurück zuschrauben oder gar zu verleugnen. Hauptsache, wir werden nicht ausgestoßen - von Freunden, Familien, Kollegen, Nachbarn. Zwei unserer existentiellsten Bedürfnisse sind Sicherheit und die Verbundenheit mit anderen. Wir Menschen sind Herdentiere (es mag Ausnahmen geben), das ist fest in unserem Wesen verankert. Also möchten wir gebraucht werden, geliebt, gesehen, anerkannt – damit wir uns verbunden fühlen können und sicher. So tanzen wir lieber nicht aus der Reihe - nehmen die Überzeugungen unserer Gesellschaft als unsere eigenen an und geben sie an unsere Kinder weiter. Auch sie sollen einmal sicher sein können, in unserer Herde. Aber zu welchem Preis? Indem wir uns verbiegen, riskieren wir die Verbundenheit zu uns selbst. So können wir nicht mehr für uns selber sorgen und machen uns von anderen und deren Urteil über uns abhängig. Wir möchten aber nicht nur verbunden und sicher sein – sondern vor allem wir selbst. Verleugnen wir uns auf Kosten der anderen Bedürfnisse, fühlen wir uns klein, elend und falsch. Wir möchten einfach gerne so angenommen werden wie wir sind und unsere Kinder möchten das auch!

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Mein Kleiner Mann (2 Jahre alt) ist gerade voll in seiner Autonomiephase angekommen und rastet regelmäßig bei Kleinigkeiten aus. Er jammert auch viel - das kann wirklich an den Nerven zerren. Ich möchte euch beschreiben, welche Knackpunkte ich bei mir selbst sehe, damit ihr für euch reflektieren könnt, ob euch davon etwas betrifft und/oder vielleicht weiterbringt.

Bei mir wirken sich verschiedene Faktoren aus...

1. Meine Erwartungshaltung und Ansprüche an mein Kind und mich selbst

Oft kommen hier Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ ans Licht (´Wenn ER die Gabel runter geworfen hat, muss ER sie auch wieder aufheben! Ich bin ja schließlich im Recht.´ Ähm...na und?!). Ich ertappe mich auch regelmäßig dabei, dass ich von uns beiden erwarte, wir müssten funktionieren – am besten sollten Kinder dann gleich auch noch so funktionieren wie Erwachsene bitte schön! (Aber für wen denn?! Und warum?! Ganz ehrlich? Butter bei die Fische? Es ist nicht mein Sohn der hier funktionieren soll. Es ist ein kleines Mädchen. Ist schon lange her - sie hieß Sarah und konnte es ihren Eltern ( Vater und Stiefmutter) irgendwie nicht recht machen *schluck*)

2. Meine Glaubenssätze (´das muss doch so und so laufen...´ oder ´Kinder müssen Erwachsenen gehorchen!´ - sicher???)

3. Ich trage nicht genügend Sorge für mich selbst und nehme meine Bedürfnisse und vor allem Gefühle!!! nicht ausreichend ernst (wie sollen es dann andere tun???).

4. Ich bin innerlich nicht im Hier und Jetzt präsent. Anstatt gedanklich die Handbremse anzuziehen und wieder bei mir, meinem Mann und meinem Kind anzukommen (und dadurch auch das ganze Wunderbare wieder wahrnehmen zu können, das ebenfalls um mich herum geschieht) ist mein Fokus auf alles gerichtet, was ich noch nicht erreicht habe (blöd oder?)

5. Ich habe die Bedürfnisse von meinem Kind nicht ausreichend befriedigt(müsste z. Bsp. mehr mit ihm rausgehen, ihm mehr Abwechslung und Lernmöglichkeiten bieten)

Dass uns unsere Kinder triggern hat einen bestimmten Grund. Dabei spielt es glaube ich gar keine so große Rolle, ob das jetzt durch Wut, Gejammere oder ein anderes Verhalten geschieht. Mein Kind zeigt mir unter anderem meine schmerzhaftesten noch offenen Baustellen auf und da ich will, dass er es einmal besser hat als ich damals, muss ich also etwas tun. Dass dieses Verhalten in seinem Alter normal ist, weiß ich mittlerweile. Kinder in diesem Alter können Ihre Impulse noch nicht abfangen und sofort regulieren. Dafür fehlen ihnen einfach die entsprechenden Verknüpfungen im Gehirn, die sie mit Hilfe unserer einfühlsamen Begleitung aber nach und nach aufbauen werden. Sie können in Ihrem Gehirn noch nicht so schnell umschalten, wenn etwas nicht so funktioniert wie sie möchten, dann sind sie schnell in der Überforderung und rasten aus (in welcher Form auch immer).

Zu wissen was mein Kind gerade durchmacht hilft mir bereits, nicht immer alles persönlich zu nehmen. Dafür sammle ich so viele Informationen wie ich kann. Ich muss mir dabei auch immer wieder selbst vor Augen halten, dass er nichts gegen mich tut - sondern etwas für sich. Zumal er sich in diesem Alter ja noch nicht mal selbst versteht. Dafür bin eigentlich ich da, um ihm seine Gefühle zu spiegeln und ihm Worte für das zu geben, was da in ihm geschieht - Orientierung zu bieten!

Wie ist es mit deinen Kindern, was erleben sie gerade? Was könnten Sie brauchen? Etwa die Begeisterung darüber, Licht ganz schnell an- und ausknipsen zu können? Oder vielleicht einfach Ihre/n Mama/ Papa, die sie und ihre Gefühle sehen und annehmen (im Idealfall kannst du vielleicht mit ihnen reden - je nach Alter)? Was brauchst du für dich, um mit der Situation anders umgehen zu können? Und was hat dich bisher davon abgehalten diese Basis für dich zu schaffen? Sind die Widerstände wirklich real, oder nur in deinem Kopf? Kannst du sie abbauen? Wenn ja, wer kann dir dabei helfen? Oft helfen klärende Gespräche um bestehende Zweifel und Ängste aufzulösen.

Mein Kind braucht glaube ich einfach wieder die Verbindung zu mir. Ich spüre es, wenn ich nicht mehr präsent für ihn bin. Dann fühle ich mich schlichtweg gereizt und kann mich nicht mehr auf ihn einlassen (z. Bsp. durch Rumalbern,was sich sehr entspannend auf Konflikte wie Wickelverweigerung auswirken kann!).

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Erst vor Kurzem wurde mir klar, dass ich mit meiner Ungeduld und meinen uneinfühlsamen Reaktionen meinem Kind zwangsläufig ein Gefühl vermittle: ´So, wie du gerade bist, bist du nervig und damit nicht wertvoll für mich´. Denn die schönen Gefühle werden gerne angenommen und geteilt - die unbequemen aber abgelehnt und damit nun mal auch das Kind. Das kann und will ich auf Dauer nicht hinnehmen. Mein Kind soll sich immer wertvoll fühlen dürfen, auch mit seiner Wut und seinem Genörgle.

Mit mir selbst zu schimpfen und mir Vorwürfe zu machen, hat bisher nur zu einem geführt: Stagnation und einem ganz miesen Gefühl. Das hält mich genau dort fest, wo ich nicht mehr sein will. Und es frisst unglaublich Energie. Energie, die ich woanders gut gebrauchen könnte. Für mich gibt es langfristig nur einen Weg um für mein Kind, so wie es mich gerade braucht, dasein zu können: Ich muss mich selbst, meine Gefühle und Bedürfnisse absolut ernstnehmen und erfüllen. Das fängt bei so Fragen an wie „Ist es das jetzt wert, dass ich die Kerzen nur für mich anzünde? Warum sollte ich mich denn einfach so schminken?“ und hört damit auf, dass ich meinem Körper den nötigen Schlaf und die Nahrung zugestehe, wenn er es braucht und nicht erst, wenn ich schon fast aus den Latschen zu kippen drohe. Nur wenn ich selbst ausgeglichen bin, meine seelischen Hausaufgaben gemacht habe und mein Akku voll ist, kann ich gelassen und flexibel auf Genörgle und Wutanfälle reagieren.

Die Kunst dabei ist, das Ganze nicht auf Kosten der Anderen zu tun. Für mich ist das ein riesen Brocken, aber ich bleibe dran. Nun versuche ich, über den Tag verteilt immer wieder mal meine aktuell noch vorhandene ´Akkuleistung´ einzuschätzen. Wenn ich morgens bereits mit gerade mal 65 % aufstehe ist klar, dass ich mir und meiner Familie keinen Gefallen tue, wenn ich die ganze Energie schon morgens im Haushalt verpulvere. Dann kann der Tag nur noch in mieser Stimmung enden. Also - was füllt den Akku wieder auf? Musik? Tanzen? Essen? Frische Luft? Freunde treffen? Oder vielleicht auch einfach mal...Stille?

Nach über dreißig Jahren möchte ich wieder Verantwortung für meine Gefühle übernehmen. Ob ein anderer mir Schmerz oder Kummer zufügen kann, liegt nicht primär in seiner Macht - sondern in meiner. Ob ich mit Wut, Schmerz, Freude, Humor oder Gelassenheit reagiere, hängt von den oben genannten Faktoren ab. Und – jaaanz wichtig: von einer Entscheidung! Damit fängt es an.

Als Kind konnte ich wohl nix für meine Gefühle. Aber als Erwachsene kann ich die Verantwortung für meine Gefühle übernehmen indem ich anerkenne, dass das was ein anderer Mensch an Schmerz in mir zum Vorschein bringt, schon vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal aufgetreten ist. Als ein Erwachsener zu mir kleinem Kind möglicherweise sagte:“Stell dich nicht so an“ oder „Streng doch mal dein Hirn an!“ (Ohhhh- böses Foul! Der brennt jetzt noch...)

Um überhaupt herauszufinden, welche Bedürfnisse da bei mir im Hintergrund eine Rolle spielen und diese dann richtig kommunizieren zu können, habe ich für mich die Technik der Gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg entdeckt. Es geht bei dieser Methode auch darum, sich selbst Empathie zu geben, damit man überhaupt erst in die Lage kommt sich in einen anderen einfühlen zu können. Außerdem geht es darum im Gespräch mit anderen herauszuhören, was das Gegenüber einem zwischen den Zeilen eigentlich wirklich sagt.

Durch Empathie für mich selbst, konnte ich mich besser verstehen (meine Trigger-Menschen sogar dann auch ein wenig 😉 ). Dadurch fiel es mir leichter, mir mit meinen Schwächen nicht mehr so böse zu sein. Ich weiß ja nun, woher das kommt.

Manchmal sind wir aber auch einfach nur noch völlig durch den Wind und wissen gar nicht mehr weiter. Dann kann es sein, dass wir die Auseinandersetzung mit unseren alten Gefühlskamellen zu lange vor uns hergeschoben haben.

Ich wünsche euch, dass ihr den für euch richtigen Weg findet. Hört auf eure Seele. Das Leben wurde uns nicht geschenkt um uns anzupassen und es anderen Recht zu machen. Unsere Mitmenschen haben es nur einfach leichter mit uns, wenn wir das glauben. Dann müssen sie sich nämlich Ihren eigenen unbequemen Wahrheiten nicht stellen. Das Leben ist für uns alle da.

Eines meiner Lieblingszitate besagt, dass es im Leben nicht darum geht, abzuwarten bis der Sturm vorübergezogen ist, sondern zu lernen, wie man im Regen tanzt.

Ihr könnt jederzeit eine Entscheidung treffen. Wenn nötig – jeden Tag auf´s Neue. Für die anderen (Familie, Freunde etc.) UND für euch! Möchtet ihr auf bessere Zeiten warten? Oder voller Leben, Leidenschaft und Freude mit euren Liebsten im Regen tanzen?

Seien wir lieb zu uns selbst. Dann sind nicht länger andere zuständig für unser Wohlergehen, sondern wir. So können sie frei sein! Und wir auch.

Alles Gute euch und euren Familien!

Herzlich, eure Sarah Hoffmann

 

Hier noch ein Link zu einem ähnlichen Thema:
http://elternmorphose.de/mein-kind-macht-mich-so-wuetend-mit-seiner-wut-was-die-wut-dir-zu-sagen-hat/

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