Moralentwicklung – Wie können wir uns Enttäuschungen sparen

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Ein kleiner Einblick in die Moralentwicklung

Wir alle möchten, dass sich unsere Kinder zu guten Menschen entwickeln. Gut in dem Sinne, dass sie teilen können, empathisch sind, Rücksicht nehmen und anderen helfen. Wir möchten unserem Sprössling vielleicht auch gerne in diese Richtung lenken und dazu noch ein gutes Vorbild sein. Moral (und die dafür benötigte Empathie) entwickelt sich zum Teil durch starke Bindungen und wenn Kinder starken sozialen Rückhalt erleben. Es ist ein Entwicklungsprozess, der mehrere Jahre überdauert.

 

Helfen und trösten

Manche Kinder, etwa im Alter von 14 Monaten, beginnen damit anderen zu helfen, wenn sie sehen, dass diese in Not sind. Kinder ab 18 Monaten erkennen, wenn andere leiden und bieten von sich aus Trost an. Sie bringen einen Schnuller oder ein Schmusetuch und versuchen zu trösten. Auf der ganzen Welt beginnen Kinder in diesem Zeitfenster damit, anderen zu helfen und zu trösten. Wir können also davon ausgehen, dass dies nicht unbedingt angelernt wurde.

 

Gerecht sein und teilen

Kinder im Alter von 3-8 Jahren entwickeln einen Gerechtigkeitssinn. Oder um es anders auszudrücken, den Sinn dafür, dass etwas ungerecht ihnen gegenüber ist. Später kommt dann das Thema Teilen hinzu. Kinder bis 4 Jahre teilen fast nie freiwillig. Wir können das gut auf Spielplätzen beobachten. Nur 20 % der fünf- bis sechsjährigen teilen freiwillig mit anderen und wenn, dann am Liebsten mit ihren “Verbündeten”. Also in ihrer Kindergartengruppe oder in ihrer eigenen Schulklasse. Bei den sieben- bis achtjährigen sind es dann schon etwa 50 % die gleichwertig teilen. Im Gegensatz zu manchem Erwachsenen, der meist im Verhältnis von 30:70 teilt und somit den größten Teil für sich beansprucht.

 

Kinder entwickeln ein großes Bedürfnis gewisse Geschehnisse in “richtig” oder “falsch” einzuteilen. Sie vergeben Rechte und Pflichten an andere und fordern diese auch ein.

“Manches spricht also dafür, dass Kinder eben nicht als Egomanen auf die Welt kommen, sondern durchaus eine Art intuitiver Moral mitbringen.”*

 

Wir kommen also mit einer “Vorinstallation” an Gefühl für Gerechtigkeit auf die Welt und auch moralisches Urteilen wurde uns mit in die Wiege gelegt. Wie moralisch wir sind hängt auch ganz explizit damit zusammen, in welcher Verfassung wir uns gerade befinden. Wenn wir sozial abgeschnitten und gestresst sind und nicht genügend Handlungsspielraum haben, leidet das moralische Empfinden enorm.

 

Rücksicht nehmen

Um rücksichtsvoll mit anderen zu sein, müssen wir fähig sein, uns in andere hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen (Perspektivenübernahme) und dadurch auch empathisch zu sein, entwickelt sich ungefähr ab dem 4. Lebensjahr. Wenn Mama also mal kurz in Ruhe duschen oder auf Toilette gehen will und ihr Baby/Kleinkind sich aber lauthals dagegen wehrt von ihr getrennt zu werden, kann sie sich bewusst machen, dass es nichts gegen sie macht sondern nur für sich. Es hat das Bedürfnis bei seiner Mama zu bleiben und kann sich nicht in ihr Bedürfnis hineinfühlen.

Kinder reagieren unterschiedlich stark auf den Kummer anderer. Das eine Kind hilft dem Betroffenen mehr, weil es sich in ihn hineinfühlen kann, das andere weniger, weil es zum Mitfühlen noch nicht fähig ist. Und auch hier ist die Bindung ein ausschlaggebender Punkt. Sicher gebundene Kinder gehen weitaus mehr auf die Gefühle anderer ein, als unsicher gebundene Kinder. Sozial vernachlässigte Kinder sind in ihrem Einfühlungsvermögen stark gehemmt, als beispielsweise Kinder, die gut sozial vernetzt sind.

Empathie können wir unseren Kindern nur begrenzt anlernen. Eltern können sich davon verabschieden, dass sie durch irgendwelche pädagogischen Maßnahmen ihre Kinder zu empathischen Menschen erziehen können. Empathie von innen heraus zu entwickeln ist also ausschlaggebender als gutes Zureden von außen. Empathieentwicklung wird unterstützt durch gute Bindungen und durch starken sozialen Rückhalt.

 

Werte übernehmen

Kinder lernen Werte genauso, wie sie auch sprechen lernen. Es ist sozusagen im biologischen Entwicklungsprogramm verwurzelt. Vom kindlichen Gehirn werden Regeln der Grammatik für das Sprechen und moralische Regeln für die Werteentwicklung herausgezogen. Wir können ihnen gewisse Regeln nicht “einpflanzen”. Sie benötigen deshalb Raum für Erfahrungen mit Werten, um diese zu übernehmen, sowie sie Raum für Erfahrung im Umgang mit der Sprache benötigen, um sich gut artikulieren zu können.

 

WENN wir nun wissen, dass moralische Entwicklung mehrere Jahre überdauert, dann brauchen wir nicht enttäuscht sein, wenn sich unser Kind in unseren Augen “unfair” oder “unmoralisch” verhält. Es ist schlicht und einfach von seiner Entwicklung noch nicht so weit. Halten wir unserem, sich noch in der Entwicklung befindlichen Kind eine Moralpredigt, wird es unsere Absichten nicht verstehen (können). Wir dürfen sie daher in ihrer Entwicklung unterstützen und sie nach und nach an moralische Standards heranführen und ihnen Orientierung geben. Zu hohe Erwartungen an unsere Kinder werden uns langfristig gesehen immer wieder enttäuschen. Lasst uns nicht auf das gucken, was sie noch nicht können, sondern auf das, was sie schon können - daran können wir uns erfreuen.

 

Welche Werte vermittelt ihr euren Kindern? Wie wichtig ist euch moralisches Handeln?

Passend zum Thema Entwicklung:
http://www.kleinermensch.net/der-defizitaere-blick-aufs-kind-jedes-kind-hat-sein-individuelles-entwicklungstempo/


*Quelle: Herbert Renz-Polster, Kinder verstehen - born to be wild

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2 thoughts on “Moralentwicklung – Wie können wir uns Enttäuschungen sparen

  1. Liebe Melanie, ich finde den Artikel unglaublich wertvoll und ich teile deine Ansicht, dass eine starke Bindung und Beziehung zu unseren Kindern weitaus mehr vermitteln kann, als Beurteilungen – Konsequenzen oder auch Belohnungen. Manche Dinge brauchen ihr Zeit zum Reifen und wir müssen unbedingt lernen, unseren Kindern diese Zeit zu geben. Zeit für Entwicklung und Entfaltung! Liebe Grüße von Maria ♥

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