Mitgefühl für andere Eltern

helfende Hand

Bis vor einiger Zeit verurteilte ich andere Eltern auf dem Spielplatz, auf der Straße oder wo auch immer ich mich gerade aufhielt. In meinen Augen verhielten sie sich nicht liebevoll genug ihren Kindern gegenüber. Ich überlegte auch oft, ob ich nicht etwas dazu sagen sollte - tat es aber nicht. Weil, wenn ich etwas dazu gesagt hätte, wäre es nicht empathisch genug gewesen. Ich hätte nur Partei für das Kind übernommen ohne dabei die (psychische) Verfassung des Elternteils zu berücksichtigen.

Wir alle haben mal Phasen, in denen wir zart besaitet sind und nicht mehr allzu viel wegstecken können. Sei es, dass wir gerade Stress auf Arbeit oder mit dem Partner haben oder weil wir gerade gesundheitlich angeschlagen sind. Genau zu diesen Zeiten fällt es uns besonders schwer wertschätzend, respekt- und liebevoll mit unseren Kindern umzugehen und sie so zu lieben wie sie sind. Wir fangen dann zu voreilig an zu schimpfen und zu bewerten, wo wir in besseren Zeiten viel lockerer im Umgang wären.

Nun gibt es natürlich auch Eltern, deren Umgang mit ihren Kindern uns nie zusagt. Sie stecken quasi immer in ihrer Erziehungs-Mecker-Bewertungs-Kritik-Kiste. Sie wissen vielleicht nicht, dass ein 2jähriges Kind gerade dabei ist, selbstständig zu werden und es deshalb mehrere Wutanfälle hintereinander bekommt, wenn etwas nicht nach seiner Zielsetzung funktioniert und nicht liebevoll darauf eingegangen wird. Sie wissen nicht, dass das Kind seine Impulse noch nicht regulieren kann und es dabei Hilfe von außen benötigt. Dass es verbal noch nicht dazu in der Lage ist, seine Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken und dies zusätzlich frustriert. Und, dass sie, wenn sie sich einmal was in den Kopf gesetzt haben, es schwer damit haben, diesen Plan wieder zu verwerfen - sie sind da noch nicht so flexibel, wie wir Erwachsenen - wenn auch nicht alle 😉
Die Eltern greifen dann hart durch und bestrafen das “trotzige” Verhalten mit aller Konsequenz. Ihr Willen geht über den Willen des Kindes, komme was wolle. Gleichwürdigkeit fehl am Platz.

Wenn wir nun versuchen einen empathischen Blick auf diese Eltern einzunehmen, könnten wir vielleicht feststellen, dass sie Angst vorm Versagen haben - dass sie als Eltern versagen und aus ihren Kindern keine vernünftigen Menschen werden. Sie müssen sich schon früh anpassen, um später gut in Kita,Schule, Job und allgemein in der Gesellschaft zurechtzukommen. Der Druck in unserer Gesellschaft ist hoch und im Endeffekt möchten alle Eltern das Beste für ihre Kinder. Nun ist hier die Frage, was wohl das Beste für das Kind ist? Ob wir schon dies und das vom Kind verlangen können oder uns besser mit der Entwicklungspsychologie des Menschen beschäftigen, bevor wir zu hohe Erwartungen ans Kind stellen. Viele Eltern haben in ihrer eigenen Kindheit Maßregelungen und körperliche wie auch psychische Strafen erlebt, die sie dann ohne Reflektion automatisch an ihre Kinder weitergeben. Diese kindlichen Erfahrungen aufzulösen bedingt jede Menge Arbeit an sich selbst und vor allem viel Zeit. Das geht nicht von heut auf morgen.

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Aber zurück zum Thema..

Wie schaffen wir es nun empathisch gegenüber Eltern und unseren Mitmenschen zu sein? Schaffen wir es unsere Kindheitserfahrungen - welche uns nicht gerade zu empathischen Menschen machte, da unsere Gefühle unterdrückt und weg geredet worden - abzustreifen und einen wohlwollenden Blick auf die Situation zu gewinnen? Können wir unseren eigenen Kindern ein gutes Vorbild sein, indem wir auf andere Menschen liebevoll eingehen auch wenn diese gerade ihr eigenes Kind maßregeln und ausschimpfen, gar anschreien?

Ich denke - JA! Natürlich ist es auch maßgebend, ob unser Gegenüber unsere Hilfe möchte. Ob er ein freundschaftliches Gespräch von uns annimmt und sich vielleicht eine Last von der Seele reden möchte. Wir können kurz vorfühlen und ihm oder ihr “die Hand reichen” und gemeinsam auf die Situation schauen. “Ich sehe, du ärgerst dich, kann ich dir irgendwie helfen”, “Was macht dich so wütend/traurig/verletzt?”. Gemeinsam kann man die Situation vielleicht besser deeskalieren und auch über gewisse alters- und entwicklungsbedingte Eigenheiten des Kindes aufklären - Blogs und Bücher zum Thema empfehlen. Man kann erklären, dass das Kind gerade NICHT seine schimpfende Mutter belächelt, sondern, dass dies ein Beschwichtigungsversuch seinerseits ist. Das Kind möchte sich versichern, ob die Verbindung zur Mutter noch da ist. Wir können dem ungeduldigen Vater erklären, dass sich sein gerade spielender Sohn nicht so einfach von seinem Spiel verabschieden kann, weil Kinder im Hier und Jetzt leben und noch kein Zeitgefühl besitzen. Wir können der enttäuschten und verärgerten Oma erklären, dass das Baby gerade in der Fremdelphase ist und deshalb auf ihrem Arm schreit und es sich auf Mamas Arm am Wohlsten fühlt.

Die Frage ist nur, wie wir etwas sagen damit es auch richtig beim Gegenüber ankommt und ob wir so mutig sind. Oft ist es so, dass es nicht entscheidend ist WAS wir sagen, sondern WIE - der Ton macht die Musik. Und wir müssen akzeptieren, wenn es Eltern gibt, die nicht so ticken wie wir. Die von ihren Erziehungsmethoden so überzeugt sind, dass sie sich eh nicht lenken lassen - wobei ich körperliche Gewalt da unbedingt ausschließen möchte! Auch wenn für uns der beziehungsorientierte Umgang der Richtige ist, können wir nicht alle “retten” bzw. davon überzeugen, dass unser Weg der Bessere ist. Das müssen wir dann leider so hinnehmen, aber ein Versuch ist es allemal Wert - zum Wohle der Kinder.

Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Würdet ihr es gut finden, wenn sich euch jemand freundlich nähert, um seine Ohren anzubieten? Würdet ihr euch fremden, sympathischen Menschen anvertrauen? Würdet ihr euch einmischen wenn es zu Handgreiflichkeiten gegenüber Kindern kommt oder hättet ihr Angst um euer eigenes Wohl und darum die Situation noch mehr anzuheizen? Ich bin gespannt….

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