Für einen besseren Umgang – Kinder leichter verstehen Teil IV

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Babys wachsen 9 Monate im Bauch ihrer Mutter heran. Sie sind eins. Sie nehmen die gleiche Nahrung auf, das Baby bekommt die Emotionen der Mutter mit und sie sind stets durch die Nabelschnur miteinander verbunden.

Erst nach der Geburt entzweien sie sich. Von nun an lebt jeder Organismus für sich selber. Für die Mutter ist ganz klar, dass sie und ihr Baby zwei eigenständige Menschen sind. Doch Säuglinge unter 6 Monaten sind noch in dem Denken, dass sie mit ihrer Mutter ein und dieselbe Person sind. Erst ab dem 7. Lebensmonat stellen sie nach und nach fest, dass sie eigenständige Personen sind. Sie bemerken, dass sie unabhängig von ihrer Mutter existieren. Auch wenn sie spüren, dass sie eigenständige Personen sind, brauchen sie ihre Mutter und ihren Vater dennoch für viele weitere Jahre. Sie benötigen weiterhin ihre Liebe, Fürsorge und Unterstützung. Und das fordern sie auch ein. Sie weinen, wenn ihnen zu kalt oder warm ist, wenn sie sich unwohl fühlen, wenn sie Körpernähe benötigen oder wenn sie Hunger haben. Sie können nicht erahnen, dass ihre Mutter auch gerade Hunger hat und etwas essen möchte. Sie verstehen es auch noch nicht, wenn ihre Mutter den ganzen Tag im Bett liegt, weil es ihr nicht gut geht. Sie empfinden dafür keinerlei Empathie. Sie können sich nicht in andere hineinversetzen und sind lediglich darauf ausgerichtet, ihrem Verlangen nachzukommen.

Sie möchten, schlicht und einfach gesagt, ihre Bedürfnisse nach Nähe, Nahrung und Zuwendung befriedigt wissen und dies meist von ihren Müttern. Sie sind noch nicht in der Lage, Rücksicht auf die Gefühle der anderen zu nehmen. Leider werden sie für ihr lebensnotwendiges Verhalten manchmal als egozentrisch betitelt. Doch können sie nichts dafür - es liegt in ihrer Natur. Sie möchten einfach nur überleben, geliebt und gesehen werden. Die Welt dreht sich in ihren Augen nur um und für sie. Sie denken, dass Mama und Papa lediglich für sie existieren. Sie können noch nicht nachvollziehen, dass andere Menschen andere Bedürfnisse und Vorstellungen haben. Ihnen fehlt kurz gesagt die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme.

Perspektivenübernahme bedeutet die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und das Verständnis dafür zu haben, dass andere Menschen andere Meinungen, Gefühle, Werte und Gedanken haben können.

Wenn kleine Kinder beispielsweise anfangen sich körperlich zu artikulieren, kann das mehrere Gründe haben. Da sie die Welt nur aus ihrem Blickwinkel sehen können, haben sie keine Vorstellung darüber, dass es dem Anderen weh tut, wenn sie ihn hauen, treten, beißen und mit harten Dingen bewerfen. Aida S. Rodriguez hat dazu noch weitere Gründe in einem ihrer Blogbeiträge sehr gut zusammengefasst:

https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/2016/04/30/6-gruende-warum-kleine-kinder-hauen/

Die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme beginnt in einem Alter von ca. 3 Jahren und dauert viele Jahre an. Selbst Kinder im Alter von 12 Jahren sind noch dabei, ihre Fähigkeiten diesbezüglich auszureifen. Erst wenn wir zur Übernahme fremder Perspektiven fähig sind, beeinflusst dies unsere sozialen Interaktionen und Kommunikationen.

Dann sind wir fähig:

  • empathisch zu sein
  • mit anderen zu teilen
  • anderen zu helfen
  • Fairness zu entwickeln
  • für jemanden Sympathie zu empfinden und
  • wahre Freundschaften zu entwickeln
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Die Entwicklung dieser sozialen Kompetenzen beginnen in der frühen Kindheit, benötigen aber lebenslange Erfahrungen um heranzureifen.

Im 4 Stufen Modell von Robert L. Selmann (Professor für Psychologie) werden die unterschiedlichen Niveaus beschrieben, die Kinder nach und nach erreichen.

Niveau 0

Die egozentrisch-impulsive Perspektivenübernahme

3 - 8 Jahre: In diesem Alter ist unser Kind dazu in der Lage, Gefühle und Gedanken anderer wahrzunehmen. Es kann seine Perspektive aber noch nicht von denen der anderen trennen. Es versteht noch nicht, dass die Wahrnehmung von Gefühlen und Absichten anderer sich von seinen unterscheiden können. Absichtliches und unabsichtliches Verhalten können noch nicht voneinander unterschieden werden.

Niveau 1

Die subjektive Perspektivenübernahme

5 - 9 Jahre: Unser Kind lernt zu verstehen, dass die Gefühle von anderen sich von seinen unterscheiden, weil ihm bewusst wird, dass die anderen über einen anderen Wissensstand verfügen, als es selbst. Absichtliches und unabsichtliches Verhalten kann nun voneinander unterschieden werden.

Niveau 2

Die selbstreflexive Perspektivenübernahme

7 - 12 Jahre: In diesem Alter wird unser Kind dazu fähig, seine Gefühle und Gedanken zu reflektieren. Es kann sie zudem aus der Perspektive einer zweiten Person sehen. Ihm wird klar, dass die Bedürfnisse von ihm und einer anderen Person abgestimmt werden müssen, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Dennoch bleiben die eigenen Bedürfnisse und Interessen vorerst noch höher gestellt.

Niveau 3

Die wechselseitige Perspektivenübernahme

10 - 15 Jahre: Unser Kind versteht nun, dass es selbst, wie auch der andere dazu fähig ist, die jeweils andere Perspektive seines Gegenübers zu berücksichtigen. Freundschaft wird als eine solide, andauernde und intime Beziehung gesehen, in der wechselseitige Fürsorge und Vertrauen dazu gehören.

Niveau 4

Die tiefenpsychologische Perspektivenübernahme

ab 12 Jahren: Unser Kind ist nun in der Lage sich selbst und andere in einem größeren sozialen Zusammenhang wahrzunehmen. Es ist nun dazu fähig, flexibel auf die Bedürfnisse und Interessen seiner Mitmenschen einzugehen und diesen auch gerecht zu werden.


Wann auch immer wir denken, dass unsere Kinder uns mit ihrem Verhalten “ärgern” oder “manipulieren” wollen, können wir uns daran erinnern, dass sie dazu erst ab einem gewissen Alter fähig sind. Immer wenn wir meinen, dass unser Kind unsere Sichtweise nicht verstehen möchte, können wir uns vor Augen führen, dass es einfach noch nicht dazu in der Lage ist.

Gewisse Dinge tun sie nicht gegen uns, sondern lediglich für sich.


Quellenangabe:

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4 thoughts on “Für einen besseren Umgang – Kinder leichter verstehen Teil IV

  1. Liebe Mel, das ist echt so wichtig. Gerade in letzter Zeit ist mein Mann immer mehr der Auffassung, dass uns unser zweijähriger Sohn manipuliert. Ich sage dann immer zu ihm: Wenn Du etwas verbietest, was er unbedingt machen möchte, weint er nicht, weil er weiß, dass er es dann bekommt, sondern weil er so furchtbar enttäuscht ist. Würde er manipulieren, wäre er in der Lage, sich in uns hineinzuversetzen. Wenn ich jetzt weine, bekomme ich es doch. Oder wie ist Deine Meinung dazu? Viele liebe Grüße, Deine Jenn

    1. Liebe Jenn, ja das sehe ich genau so wie du! Er ist enttäuscht und frustriert und zeigt es auf seine Art und Weise. Das eine Kind weint, das andere wird wütend und beginnt mit Dingen um sich zu werfen oder zu schreien. Das kommt sicher auch auf`s Alter und Temperament des Kindes drauf an. Vielleicht sollte sich dein Mann auch mal mit der Thematik beschäftigen, wie du es jetzt bereits schon und auch demnächst mit deinem Online Kongress „Bedürfnisorientiert Aufwachsen“ (https://www.facebook.com/groups/1160835040650157/?fref=ts) tust. Ich wünsche es euch jedenfalls von Herzen. Es ist sicherlich nicht einfach, wenn nur ein Elternteil diesen Weg geht. Alles Gute euch
      LG Melanie

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