Die Steigerung des Gegenwillens durch die Gleichaltrigenorientierung

jungegehtwegvoneltern

Im ersten Teil meiner Blogserie zu Gordon Neufelds Buch "Unsere Kinder brauchen uns" hast du erfahren, wie es überhaupt dazu kommt, dass sich Kinder aneinander binden und was diese Bindung mit sich bringt. Wenn du sie verpasst hast, kannst du sie hier nachlesen. Im zweiten Teil möchte ich nun auf den Gegenwillen eingehen, den zwar jeder von uns in sich trägt, welcher aber einen kräftezehrenden Part in der Gleichaltrigenorientierung einnimmt. Er wird aktiviert wenn wir uns unter Druck gesetzt fühlen, für etwas, was wir nicht möchten. Oder aber, wenn wir uns kontrolliert fühlen. Er kann sich in jeder Altersstufe zeigen, wenn die Umstände es nicht anders zulassen. Er hat seinen dramatischsten Auftritt im 2. Lebensjahr, der sogenannten "Trotzphase".

Der Gegenwille ist in keiner Weise ungewöhnlich, er hat sich nur unter der Gleichaltrigenorientierung enorm verschärft. Das hängt mit der Zweipoligkeit von Bindungen zusammen. Unsere Kinder sind noch nicht in der Lage mit zwei gleichstarken und sich widersprechenden Orientierungseinflüssen, wie denen von uns Eltern und die der Gleichaltrigen, umzugehen. Sie müssen sich sozusagen für eine der beiden Seiten entscheiden, um nicht verwirrt oder in ihrem Handeln behindert zu werden. Für sie ist es eine zwingende Notwendigkeit, dass sie sich für eine Seite entscheiden. Binden sich unsere Kinder an ihresgleichen und können wir als Eltern dadurch keinen Einfluss mehr ausüben, haben wir bereits zwei Probleme, die uns Schwierigkeiten bereiten. Kommt dann noch der verstärkte Gegenwille hinzu, werden wir es sehr schwer haben an unsere Kinder heranzukommen.

Kinder möchten, genau wie wir Erwachsenen, nicht herumkommandiert werden, dies wird aber leider zu oft übersehen. Wenn wir die Gründe hinter dem Gegenwillen sehen und verstehen, so bleiben uns einige Konflikte und unnötige Verunsicherungen erspart. Er erfüllt zwei wichtige Funktionen: er hilft unserem Kind Anweisungen und Einflüsse von Fremden abzuwehren. Der Gegenwille ist sozusagen ein Schutz vor äußerem Zwang und Fehlleitung. Zum anderen fördert der Gegenwille das Wachstum des inneren Willens und der Selbständigkeit bei unseren Kindern. Und das wünschen wir uns doch für unsere Kinder, dass sie einen starken Willen besitzen und wahre Selbständigkeit entwickeln. Unser Kind muss sich nach und nach von uns abgrenzen können, um für sich herauszufinden, was es mag und was es nicht mag. Es möchte selber erforschen, für was es sich interessiert und für was nicht, ohne dabei von unserem elterlichen Willen überwältigt oder beeinflusst zu werden. Der Gegenwille hat die Aufgabe, die fordernden Eltern abzuwehren, sodass das Kind genügend Raum und Zeit hat, um eigene Motivationen und Vorlieben zu entwickeln und entdecken.

Je mehr Druck und Zwang wir auf unsere Kinder ausüben, umso weniger werden sie geneigt sein uns zu folgen. Sie werden sich sträuben ihre Zähne zu putzen, ihre Hausaufgaben zu machen und ihr Gemüse aufzuessen. Zwingen wir unsere Kinder beispielsweise dazu ihr Essen aufzuessen, übergehen sie ihr Sättigungsgefühl und das kann nicht gut sein - sie kennen schließlich ihren Körper am Besten. Schon kleine Babys wissen was und wieviel gut für sie ist. Oder üben wir morgens Druck beim Anziehen des Kindes aus, weil wir es eilig haben in die Kita und auf Arbeit zu kommen, könnten wir uns etwas mehr Zeit einplanen, damit das Kind noch etwas spielen kann.

Der Gegenwille kann sich je Altersgruppe unterschiedlich ausdrücken:

  • Wenn dein Kleinkind ständig "Nein" zu dir sagt
  • Wenn dir dein Kind "Du hast mir gar nichts zu sagen" entgegnet
  • Wenn dein Kind entgegen deiner Erwartungen passiv oder auch zögerlich reagiert
  • Wenn dein Kind Tabus bricht oder auch
  • Wenn es kampf- und streitlustig ist

Auch wenn unser Kind gut an uns gebunden ist, kann es zu solchen Widerhandlungen kommen, nur kann er durch die Gleichaltrigenorientierung ziemlich außer Kontrolle geraten!

Der menschliche Widerstand gegen Zwang wird gewöhnlich durch die Bindung abgeschwächt oder entwickelt sich erst gar nicht. Sind wir beispielsweise verliebt, sträuben wir uns nicht gegen die Erwartungen des anderen. Das tun wir aber bei jemanden, an den wir uns nicht gebunden haben. Dein Kind möchte dir immer nahe sein, auch wenn sein Verhalten vielleicht etwas anderes zeigt. Habt ihr eine gute Bindung zueinander, wird dir dein Kind viele deiner Erwartungen recht machen wollen. Ist die Bindung zu dir geschwächt, werden deine Erwartungen als Druck angesehen. Für dein Kind fühlt sich Folgsamkeit dann wie eine Kapitulation an. Kinder und Jugendliche werden vom Gegenwille so beherrscht, dass Erwachsene keine Möglichkeiten mehr haben, sie zu lenken oder als positives Vorbild zu dienen. Umso stärker sich Kinder an Gleichaltrige orientieren, desto stärker werden sie  sich den Erwachsenen widersetzen. Manche Kliniker diagnostizieren in solchem Fall eine oppositionelle Störung, welche sich in trotzigen oder sogar feindseligen Verhalten zeigt. Doch was dort als Verhaltensstörung eingeordnet wird, ist in Wirklichkeit der Ausdruck einer gesellschaftlichen Störung.

Der Gegenwille prallt mit den Vorstellungen aufeinander, wie Kinder in unserer Gesellschaft zu sein haben. Sie sollen immer "brav" sein, sich ruhig verhalten und sich fortlaufend anpassen. Dieser ständige Druck bewirkt andauernde Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kind. Rebellieren unsere Kinder, dann ist das lediglich ein Ausdruck von ihrem Recht auf einen würdevollen Umgang mit ihnen. Wir sollten uns fragen, wie wir uns fühlen würden, wenn wir ständig gesagt bekommen, dass wir nicht so trödeln sollen, obwohl wir den Spaziergang gerne mit allen Sinnen genießen würden? Oder, wenn wir einfach ins Bett gesteckt werden, obwohl wir noch nicht müde sind und schreien gelassen werden! Und, was es in dir auslösen würde, wenn du dein Selbst ständig unterdrücken müsstest? Kein Erwachsener würde sich so behandeln lassen, vielen Kindern wird es dennoch zugemutet. Man muss dann ernsthaft fragen, wann Menschenwürde beginnt.

weinendesbaby

Der Gegenwille ist eine normale menschliche Dynamik, der auch bei guter Bindung zu den Eltern auftritt, dann aber meist nur sehr flüchtig und nur in Situationen, wo wir als Eltern mehr Druck als üblich ausüben und anfangen die Leine fester zu ziehen. Legen wir auf eine gute Bindung zu unseren Kindern Wert, werden wir immer intuitiv versuchen, Situationen mit zu viel Druck oder Zwang zu vermeiden und  Druck nur dann einzusetzen, wenn das Wohl des Kindes in Gefahr ist oder die Umstände es nicht anders zulassen. Wenn dein Kind auf die Straße rennt, ist es natürlich unerlässlich, es auch gegen seinen Willen davon abzuhalten. Dafür trägst du schließlich die Verantwortung als Elternteil. Es wird sich vielleicht dagegen wehren von dir festgehalten zu werden, weil es noch zu unreif ist, um zu verstehen, dass die Straße ein gefährlicher Ort ist. Vorfälle wie dieser tun einer guten Bindung aber keinen Abbruch.

„Der Gegenwille passiert den Kindern mehr, als dass er von ihnen initiiert wird. Das Kind kann davon genauso überrascht werden wie seine Eltern, und tatsächlich handelt es sich dabei um eine Manifestation des universellen Prinzips, dass es zu jeder Kraft eine Gegenkraft gibt….Da der Gegenwille eine Gegenkraft ist, fordern wir ihn jedes Mal heraus, wenn unser Wunsch, bei unserem Kind etwas durchzusetzen, stärker ist als der kindliche Wunsch nach Verbindung mit uns“.

Untergräbt die Gleichaltrigenorientierung unsere Bindung zum Kind, richtet sich der Gegenwille gegen uns Eltern, von denen es sich eigentlich anleiten und führen* lassen sollte. Am besten ist es für das Kind, den Gegenwillen nicht als aufkommende Feindseligkeit zu erfahren, sondern als einen normalen Drang zur Unabhängigkeit. Aber nur wenn sich dein Kind einer sicheren Bindung zu dir sicher sein kann, wird es wirklich unabhängig werden. Der Gegenwille dient dem Autonomiebestreben. Dein Kind kann sich am besten entwickeln, wenn du seinem Bedürfnis nach Selbständigkeit und auch dem nach Bindung angemessen entgegenkommst. Der Gegenwille dient auf jedem Fall einem guten Zweck: der Entwicklung von Reife und Unabhängigkeit. Dein Kind wird bei optimal verlaufender Entwicklung allmählich Fortschritte bei seiner Selbstfindung machen und erst dann lässt allmählich das Bedürfnis nach Bindung nach. Wenn dies geschieht, wird es sogar noch empfindsamer, was den Zwang und Druck von deiner Seite aus angeht. Wenn es behandelt wird, als hätte es keine eigenen Gedanken, Meinungen, Grenzen und Werte, dann wird es sich herabgesetzt fühlen und sich stark widersetzen. Der Gegenwillen hilft deinem Kind, nicht zu einer Kopie eines anderen Menschen zu werden. Er fördert, dass dein Kind zu einem eigenständigen Menschen wird, welcher auch außerhalb von Bindungen überlebensfähig ist. Wenn unsere Kinder echte Unabhängigkeit und Reife erlangt haben, wird der Gegenwille automatisch abgeschwächt. Reife Erwachsene sind in der Lage nicht mehr in Abwehrhaltung zu gehen, wenn sie meinen jemand möchte ihnen ihren Willen aufzwängen. Sie können sich entscheiden, ob sie folgen, wenn sie es für sinnvoll halten oder sie gehen ihren eigenen Weg. Unsere Kinder können nicht einfach ihren eigenen Weg gehen - sie sind noch abhängig von uns. Und genau aus diesem Grund sollten wir sie stets würdevoll behandeln, so dass sie sich an uns festhalten können. Wir sollten sie dazu einladen sich Unterstützung von uns zu holen, wenn sie diese benötigen und ihnen auf der anderen Seite so viel Freiraum lassen sich selber zu entfalten um zu wahrer Selbständigkeit zu gelangen.

Fest steht eins: wenn wir Eltern uns aus Verzweiflung oder Frust zurückziehen, weil wir den Gegenwillen mit Machtstreben unserer Kinder verwechseln, lassen wir sie unwissentlich im Stich und das schwächt die Bindung. Sie brauchen uns dennoch. Wir müssen versuchen unseren Einfluss wiederzuerlangen und unsere Kinder von den Gleichaltrigen wieder zurück zu gewinnen. Wie das funktioniert, werde ich in einem meiner nächsten Teile ausführlicher beschreiben.

Aus Verzweiflung wenden manche Eltern psychische Gewalt an und rechtfertigen diese in der Annahme, dass das Kind ein Kräftemessen aufführt, weil sie den natürlichen Gegenwillen falsch interpretieren. Manche Eltern greifen dann auch zu Manipulationen, wie belohnen oder bestrafen. Sie entgegnen ihren Kindern dann mit einer Gegenstärke und erhöhen den Einsatz an verfügbaren Druckmitteln, wie Fernsehverbot, Taschengeldentzug oder auch Hausarrest. Psychische Gewalt löst in unseren Kindern jedoch einen inneren Alarmzustand aus, da eine für sie wichtige Bindung in Gefahr zu sein scheint.  Sie werden dann aus purer Verzweiflung versuchen ihren Eltern alles recht zu machen und es hat den Anschein, dass diese Gewalt das gewünschte Verhalten erzielt hat. Doch diese Taktik hat einen hohen Preis. Die Beziehung zum Kind wird durch Drohungen und die Wut der Eltern extrem geschwächt. Und je schwächer die Bindung zu uns Eltern ist, desto schneller werden wir durch die Gleichaltrigen ersetzt. Wir fördern damit die Gleichaltrigenorientierung. Unsere Kinder verinnerlichen durch Drohungen und Manipulation nicht das gewünschte Verhalten. Wird Verhalten, wie bedanken, entschuldigen, teilen oder das Zimmer aufräumen erzwungen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass es freiwillig wiederholt wird. Und daraus entsteht ein Teufelskreis, der sich immer weiter verstärkt umso mehr Gewalt auf den kindlichen Gegenwillen stößt. Wenn wir beispielsweise unser Kind dafür belohnen, dass es sein Kinderzimmer aufräumt, wird es in der Annahme sein, diese Belohnung immer wieder zu erhalten. Fällt die Belohnung beim nächsten Mal aus, wird es weniger Lust verspüren sein Zimmer aufzuräumen.

"Belohnungen erhöhen vielleicht die Wahrscheinlichkeit für gewisse Verhaltensweisen, aber nur, solange die Belohnung fortgeführt wird. Endet die Bezahlung, endet auch das Spiel." Dr. Deci

Viele Eltern probieren sich bezüglich des Verhaltens ihrer Kinder zu beruhigen, indem sie das Problem auf Hormone oder die Teenager Rebellion schieben. Doch damit lenken wir vom wahren Problem, der Unvereinbarkeit von konkurrierenden Bindungen, ab. Hormone gehören schon immer zum Bestandteil der menschlichen Physiologie, doch sie führten bislang nicht immer zu dieser enormen Entfremdung, wie wir sie heute haben. Der bekannte Freilerner Andrè Stern hatte beispielsweise keine Pubertät, wie man sie von anderen Kindern kennt. Er musste nicht rebellieren, weil er so genommen wurde, wie er ist. "Ich habe mich auch nie aus meiner Familie lösen müssen, wie man das oft von Kindern in der Pubertät hört. Dass man da Krisen durchlebt, sonst ist man nicht normal. Das alles kenne ich nicht. Aber für mich aus einem gut erklärbaren Grund: Ich musste mir keine Freiheit erkämpfen, ich hatte sie schon immer. Ich musste nicht darum kämpfen, ernst genommen zu werden. Das wurde ich schon immer. Ich musste nicht um Aufmerksamkeit kämpfen, die hatte ich schon immer". Zitat aus diesem Interview: http://www.muetterblitz.de/Ausgabe0210/TT/andrestern.masp

Ohne eine starke Bindung werden wir uns als Eltern ohnmächtig fühlen und den Eindruck haben, dass wir von unserem Kind manipuliert und kontrolliert werden. Konzentriert sich unsere Wahrnehmung lediglich auf den Gegenwillen unseres Kindes, werden wir nicht erkennen, dass sein Verhalten lediglich eine instinktive Reaktion auf äußeren Druck und Zwang ist. Wir sollten dann die Zügel lockerer lassen und unserem Kind zugestehen, dass es ein eigenständiges Wesen mit einem eigenen Willen ist. Es liegt in unserer Verantwortung die Beziehung zu unserem Kind wieder zu stärken, indem wir mehr qualitative Zeit mit ihm verbringen und ihm weniger unseren Willen aufbürden.

In der nächsten Blogserie geht es um die Themen Frustration und Aggression und welche Wirkung die Gleichaltrigenorientierung auf sie hat.
“Aggression gründet wie Liebe in der sie auslösenden Erfahrung, in dem, was uns bewegt. Im Fall von Aggression ist dies der Impuls anzugreifen. Woher kommt all diese Aggression? Weshalb ist sie unter Kindern heutzutage so sehr verbreitet? Wieso sind Kinder, die sich an Gleichaltrigen orientieren, so gewaltbereit?”


*wobei Führung nicht als Privileg verstanden werden darf, Macht und Kontrolle auszuüben, sondern vielmehr die Verantwortung, dass zu geben, was gerade gebraucht wird.

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