Die Gefahren der Gleichaltrigenorientierung: Teil III Frustration und Aggression

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In Teil III der Blogserie möchte ich nun auf eine weitere Folgeerscheinung der Gleichaltrigenorientierung eingehen: die Aggression, hervorgerufen durch Frustration innerhalb der Bindung unter den Gleichaltrigen.

Laut Wikipedia ist Aggression ein verankertes, biologisch fundiertes Verhaltensmuster zur Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen, sowie zur Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen… Bei Menschen wird emotionale Aggression häufig durch negative Gefühle hervorgerufen, also als Reaktion zum Beispiel auf Frustration, Hitze, Kälte, Schmerz, Furcht oder Hunger…

Dass heißt, dass Aggression wichtige Funktionen hat und dem Überleben dient.

Frustration kann Aggressionen auslösen. Unsere Kinder werden oft durch die unsicheren und unzuverlässigen Bindungen zu Ihresgleichen frustriert, sei es durch häufige Trennungen, gescheiterte Beziehungen oder Kontaktverlust.

Frustration wird als primitive Emotion eingeordnet. Wir werden frustriert, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gern hätten, sei es eine bestimmte Aufgabe, die es zu lösen gilt, ein technisches Gerät, welches nicht funktioniert oder auch der eigene Körper, der versagt. Frustration muss nicht unbedingt in aggressivem Verhalten enden, wenn unser Kind in der Lage ist, ihr entgegen zu wirken und etwas an der Situation zu ändern. Wir als reife Erwachsene sind in der Lage uns selbst zu regulieren, indem wir unsere Gedanken und Gefühle in den Griff bekommen oder etwas an der Ausgangssituation ändern. Für unsere an Gleichaltrige orientierten Kinder, die noch zu unreif für Selbstregulation sind, ist dies jedoch kaum möglich. Sie haben auf der einen Seite keinen festen Halt untereinander und lehnen uns Eltern, die ihnen bei ihrem Problem behilflich sein könnten, von vornherein ab.

Zu unreif um Vergeblichkeit zu fühlen

Stößt die Frustration unseres Kindes, welches gut an uns Eltern gebunden ist, auf ein unlösbares Hindernis, dann muss es in der Lage sein, zu erkennen, dass es aussichtslos ist. Können wir unserem Kind gerade nicht geben wonach es verlangt, sei es ein etwas Süßes kurz vor dem Abendessen oder ihm den Mond vom Himmel holen, dann wird es nach erfolglosen Versuchen begreifen, dass es vergeblich ist und den Tränen ihren heilenden Lauf lassen und auch loslassen können. Wurde durch diese Frustration bereits Aggression ausgelöst, so kann sich die Wut in Trauer umwandeln.

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Bei den Kindern, die sich an den Gleichaltrigen orientieren, funktioniert dieser ganze Prozess leider nicht. Sie müssen Gefühle von Verletzlichkeit unterdrücken und somit auch die Gefühle, dass etwas vergebens ist. Unter der Kultur des "Coolseins" werden Tränen der Vergeblichkeit als Schwäche angesehen und sind eine Quelle von Scham. Dabei sind diese Tränen aber so wichtig, weil sie Beruhigung bringen. Sie lassen uns fühlen, dass etwas ein Ende gefunden hat, wie beispielsweise eine wichtige Freundschaft. Die Gleichaltrigenorientierung ist  der Ursprung von Frustration. Wenn wir nicht fähig sind, Vergeblichkeit bewusst zu spüren, so werden wir es schwer haben, von einer Sache loszulassen und bestehende Grenzen hinzunehmen. Der Ehrgeiz und das Klammern lässt erst dann nach, wenn die Vergeblichkeit tief im emotionalen Teil des Gehirns registriert wird. Wird sie nicht registriert, wird unser Kind weiterhin nach Unerreichbarem streben und permanent mit Frust zu kämpfen haben.

"Wenn wir spüren, dass etwas vergeblich ist, so fühlen wir uns verletzlich, denn wir sind in diesen Momenten mit den Grenzen des für uns Kontrollierbaren und dem für uns Unabänderlichen konfrontiert. Gefühle der Vergeblichkeit gehen mit als erstes verloren, wenn ein Kind eine Abwehrhaltung gegen seine Verletzlichkeit aufbaut, so dass bei an Gleichaltrigen orientierten Kindern solche Emotionen kaum vorkommen".

Unsere unreifen Kinder haben noch kein Verständnis dafür, was wahre Freundschaft bedeutet. Für unsere Kinder ist die unsichere Bindung untereinander höchst bedrohlich. Sie können an ihr nichts verändern. Sie möchten einfach nur geliebt und gesehen werden und etwas ganz Besonderes sein. Doch auf diese Bedürfnisse haben sie keinen Einfluss, wenn sie sich an ihresgleichen gebunden haben. Sie verletzen, verlassen und schikanieren sich gegenseitig. Es entsteht Bindungsfrust und wenn unsere Kinder dafür keine zivilisierten Mittel parat haben, kann aus Frustration schnell Aggression werden. Der angestaute Frust muss irgendwo hin. Unreife Kinder können nicht im vollem Maße liebevoll, wertschätzend und unterstützend sein, wie wir reifen Erwachsenen. Dadurch, dass unsere Kinder nicht mit den Gleichaltrigen zusammenleben, werden sie ständig mit Trennungen konfrontiert, die sie eigentlich nicht möchten. Verbieten wir unseren Kindern den Umgang miteinander, wird sich aggressiver Widerstand in unsere Richtung entladen.

Unter unreifen Kindern werden Freundschaften schnell mal beendet, wenn ihnen irgendetwas nicht passt. Das verletzt und frustriert. Die Bindungen unter den gleichaltrigen Kindern sind im Vergleich zu den Bindungen zu uns Erwachsenen nie sicher genug, so dass sie sich daran festhalten könnten. Nur wir Erwachsenen können ihnen stabile und verlässliche Beziehungen bieten. Ich selber kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen: meine beste Freundin kündigte mir die Freundschaft. Ich war am Boden zerstört, für mich brach eine Welt zusammen und auch die gut gemeinten Worte meiner Mutter konnten mich über diesen, für mich schweren Verlust nicht trösten. Ich war damals 11 Jahre alt und mitten in der Gleichaltrigenorientierung. Ich konnte meinen „Halt“ nur bei meinen Freunden finden, mit denen ich jeden Tag zusammen war. Ich hatte keinerlei Interesse an meinen Eltern oder an anderen Erwachsenen, wie den Lehrern.

Heutzutage haben es Eltern und auch Lehrer schwer mit der unverschämten und aggressiven Ausdrucksweise einiger Kinder klar zu kommen. Der Grund hierfür liegt in der Zweipoligkeit von Bindungen. Kinder, die sich an ihresgleichen gebunden haben, werden vermeintliche Konkurrenz zu anderen Personen ablehnen. Sie werden sich nicht mehr dem Unterricht mit Neugierde hingeben, sondern sich permanent mit den problematischen Bindungen untereinander beschäftigen. Schnell als Außenseiter gilt, wer Interesse am Unterricht zeigt. Wer in der "coolen" Welt der Gleichaltrigen Lerneifer zeigt, läuft Gefahr, verspottet und bloßgestellt zu werden. Die Neugier der Kinder ist vom Aussterben bedroht.

Verschiebt sich die Bindung, fangen unsere Kinder an, sich von uns zu distanzieren, anstatt Nähe zu suchen. Genauso kann Sympathie zu Antipathie, Liebe zu Hass und Zuneigung zu Verachtung werden. Aggression zeigt sich nicht nur durch körperliche Angriffe, sondern auch durch feindseliges Verhalten, unverschämte Gesten, beleidigende Äußerungen, lästern und ignorieren. In der Gleichaltrigenorientierung liegt die Ursache, dass unsere Kinder zu angriffslustigen Tyrannen werden. 

Die Bindung an die Gleichaltrigen spaltet die Welt unseres Kindes in Menschen, die es mag und zu denen es sich hingezogen fühlt und in solche, die ihm egal sind und die es abstoßend findet. All das ist kein Charakterfehler, keine Bösartigkeit oder auch kein Verhaltensproblem deines Kindes, sondern es ist lediglich das Resultat fehlgeleiteter Bindungsinstinkte. Manche Kinder haben keine andere Wahl, als sich an Gleichaltrige zu binden. Sie werden durch zu frühe Fremdbetreuung mit unsensibler und geringer Eingewöhnungszeit dazu gedrängt.

Kommen unsere Kinder in schwierige Situationen, sei es, dass ihr euch als Eltern trennt oder ein Elternteil erkrankt schwer und ist dadurch nicht mehr greifbar, entsteht eine Bindungslücke, die sie dann mit den Gleichaltrigen füllen werden. Für Kinder, die sich an Gleichaltrige orientieren ist es typisch, dass sie ihre Familienmitglieder angreifen. Auch wenn dies nicht immer auf körperliche Art und Weise geschieht, ist die verbale und emotionale Feindseligkeit extrem kräftezehrend, spaltend und verletzend. Selbst wenn Aggression nicht ausschließlich mit der Gleichaltrigenorientierung zusammenhängt, ist sie umso wahrscheinlicher, je stärker die Bindung zu den Gleichaltrigen ist. In der Tat gehört aggressives Verhalten seit jeher zur menschlichen Geschichte, aber die Gleichaltrigenorientierung lässt die Aggressionsbereitschaft in Gewalt ausarten.

Zählt man Selbstmord mit zur Aggression gegen sich selbst, dann  haben sich die Selbstmordversuche mit tödlichem Ausgang in den letzten 50 Jahren verdreifacht. Die Selbstmordrate mit dem schnellsten Anstieg war unter Kindern der Altersgruppe 10 bis 14. Spielen die Gleichaltrigen eine wichtigere Rolle als wir Eltern und wird unser Kind von ihnen abgelehnt oder tyrannisiert, kann das fatale Folgen, wie Zwänge, Depressionen, Selbstzweifel, Manien und auch Selbstmord zur Folge haben. Die Selbstmordrate in Nordamerika hat sich seit 1950 vervierfacht.

Aggressionen, Gewaltvorfälle und Angriffe von Jugendlichen gegen Lehrer und Eltern nahmen in den letzten 60 Jahren enorm zu.

Der tagtägliche Umgang der Kinder untereinander führt dazu, dass sie sich, durch die hervorgerufene Verletzlichkeit immer mehr verschließen. Sie betrügen, verachten, hänseln und beschämen sich gegenseitig. Deinem Kind bleibt nichts anderes übrig, als sich von diesen negativen Gefühlen abzukapseln, um nicht mehr verletzbar zu sein.

Aggression und Fremdbetreuung

Der Grundstein für Aggressionen wird schon in der Krippen- und Kindergartenzeit gelegt.In einer Studie, in der man Kinder von 0-5 Jahren begleitete, konnte man die Auswirkungen der Gleichaltrigenorientierung im 5. Lebensjahr deutlich sehen. An über 1000 Kindern konnte man Aggressionen im Kindergarten als auch Zuhause beobachten.  Umso mehr Zeit unsere Kinder in Fremdbetreuung verbringen, desto stärker treten später dissoziale Verhaltensweisen, wie Sachbeschädigungen, Lügen, häufiges Schreien, Streiten und Kämpfen auf*. Auch konnte eine Zerstörung ihrer eigenen Sachen festgestellt werden. Sie verleihen damit ihrer Frustration Ausdruck. Jungen sind für die Gleichaltrigenorientierung viel anfälliger als Mädchen. Dies wurde in einer Untersuchung von 3- bis 4jährigen Kindern herausgefunden. Binnen weniger Monate war der Einfluss der Gleichaltrigen messbar. Wenn unsere Kinder mehr Zeit mit Gleichaltrigen als mit uns verbringen, ist die Wahrscheinlichkeit höher verhaltensauffällig zu werden.

Berücksichtigen wir die menschlichen Entwicklung, überraschen solche Erkenntnisse nicht. Für die Reifeentwicklung sind Bindung und Individualität unserer Kinder grundlegend für echte Sozialisierung. Für eine gesellschaftliche Eingliederung und persönliche Reifeentwicklung gehört weitaus mehr dazu, als sich einfach nur anzupassen, mit anderen zusammen zu sein und miteinander auszukommen. Echte Eingliederung in die Gesellschaft kann nur unter Berücksichtigung der Individualität und Eigenständigkeit jedes einzelnen Menschen gelingen und auch erst dann, wenn dein Kind dazu in der Lage ist, die anderen als eigenständige Menschen mit eigenen Gedanken wahrzunehmen.

"Unsere Herausforderung besteht im Grunde darin, den Kindern zu helfen, dass sie einen Entwicklungsstand erreichen, ab dem sie von den Erfahrungen, die sie im Umgang mit Gleichaltrigen machen, profitieren können. Wenn sie erst einmal so weit sind, ist zur Verfeinerung nur sehr wenig Sozialisierung erforderlich"

Werden Gleichaltrige beliebig und zu früh vermischt, ohne die Beteiligung von uns Erwachsenen als primäre Bindungspersonen, wird dies zu Konflikten durch Dominanz unter den Kindern führen. Gegenseitiges Kopieren, indem das Kind sein Selbstgefühl unterdrückt, ist ebenfalls ein Phänomen in der Gleichaltrigenorientierung. Je früher unsere Kinder der Gleichaltrigenorientierung ausgesetzt sind und sich ausschließlich damit beschäftigen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie dauerhaft unreif bleiben. Ihr Selbstwertgefühl wird immer an Bedingungen geknüpft und von den anderen abhängig sein. Echtes Selbstwertgefühl sollte aussagen, dass es egal ist, was jemand kann oder ob jemand die neuesten trendigen Schuhe trägt. Es sollte nicht von dem Wohlwollen anderer abhängig sein, sondern seinen Ursprung tief in unserem Inneren haben. Es sollte auch nicht vom gesellschaftlichen Ansehen oder dem eigenen Aussehen abhängig sein. Sind unsere Kinder abhängig von den unberechenbaren Beurteilungen der Gleichaltrigen, werden sie in ständiger Unsicherheit leben müssen und dies stellt eine Quelle ständigen Frusts dar.

Kinder brauchen von ihren Eltern bedingungslose, liebevolle Akzeptanz um nicht bei den Gleichaltrigen nach Zuneigungs- und Zugehörigkeitsbekundungen suchen zu müssen.”

Es ist unsere elterliche Pflicht unseren Kindern starke Bestätigung zu geben, damit sie nicht woanders danach suchen müssen. Damit ist nicht nur Anerkennung und Liebe gemeint, sondern die Äußerungen dafür müssen viel tiefer spürbar sein, dass das Kind merkt, dass es geliebt wird, so wie es ist. Dass wir als Eltern seine Gegenwart genießen und seine bloße Existenz schätzen, egal ob es sich in unseren Augen gerade "gut" oder "schlecht" verhalten hat.

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Wir müssen ihnen stabile Beziehungen zu uns ermöglichen und instabile Beziehungen zu ihresgleichen vermeiden. Denn Lehrer und Erzieher sind schon aus strukturellen Gründen, wie Zeit- und Personalmangel nicht dazu in der Lage. 

Es ist unsere elterliche Pflicht unseren Kindern starke Bestätigung zu geben, damit sie nicht woanders danach suchen müssen. Damit ist nicht nur Anerkennung und Liebe gemeint, sondern die Äußerungen dafür müssen viel tiefer spürbar sein, dass das Kind merkt, dass es geliebt wird, so wie es ist. Dass wir als Eltern seine Gegenwart genießen und seine bloße Existenz schätzen, egal ob es sich in unseren Augen gerade "gut" oder "schlecht" verhalten hat.

Im letzten Teil der Blogserie werde ich ausführlich darauf eingehen, wie wir es schaffen, unsere Kinder wieder zu uns zurück zu holen.

 


*Die dunkle Seite der Kindheit
http://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/index.php/faz-artikel-4-april-2012

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