Die Gefahren der Gleichaltrienorientierung – wie wir unsere Kinder zurückgewinnen können

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In den ersten Teilen der Blogserie habe ich aufgezeigt, welch negativen Einfluss die Gleichaltrigenorientierung auf unsere Kinder hat und, dass sie Gefahren, wie Bindungs- und Orientierungslosigkeit, den verstärkten Gegenwillen und Aggressionsbereitschaft in sich birgt. In einem kurzen Überblick, möchte ich veranschaulichen, vor welchen weiteren Gefahren wir gewappnet sein müssen, wenn sich die Gleichaltrigenorientierung verfestigt:

  • Der Verlust von Respekt und der Mangel an Autoritätsanerkennung - weil sie jeden ablehnen, der nicht zu ihrer Bindungsgemeinschaft gehört (Zweipoligkeit von Bindungen)
  • Die verzögerte Entwicklung - weil sie durch den Umgang mit den noch unreifen Gleichaltrigen in ihrer Unreife steckenbleiben
  • Die emotionale Verhärtung - weil sie in der “coolen” Welt überleben wollen und sich vor Verletzungen schützen müssen
  • Der Verlust der Neugierde - wer Interesse am Schulstoff zeigt, wird schnell Außenseiter und vor der Klasse bloßgestellt und schikaniert
  • Fehlende Aufnahmebereitschaft für Erziehung und Unterricht - weil ihnen nichts wichtiger ist, als der Kontakt zu ihresgleichen. Sie gehen nicht in die Schule, um etwas zu lernen, sondern eher, um sich dort mit ihresgleichen zu treffen
  • Frühsexualität - weil sie ihre Bindungslücken schließen müssen und so Verbindung auf körperlicher Art erhalten - die meist nur sehr kurzfristig ist
  • Fehlgeleitete Bindungsinstinkte - durch zu frühe und lange Fremdbetreuung
  • Der Verlust der Kulturübermittlung - denn sie wird nicht mehr von den Eltern übermittelt, sondern nur noch durch die Gleichaltrigen
  • Die Flucht in die Drogen - als Lückenfüller durch Bindungslosigkeit

Im letzten Teil möchte ich euch nun Wege aufzeigen, um diese unreifen Kinderbindungen zu vermeiden oder auch, wie ihr eure Kinder zu euch zurückholen könnt.

Um mit unseren Kindern in Beziehung zu sein, brauchen wir die wichtigste Verbindung - die Bindung. Unsere Kinder kommen auf die Welt und haben das Verlangen, sich an uns Eltern zu binden. Dies gibt ihnen Sicher- und Geborgenheit, in der für sie fremden Welt. Ohne eine gute Bindung zu unseren Kindern ist Beziehung und Lenkung nur schwer möglich. Erst wenn wir verstanden haben, dass sie unerlässlich ist, werden wir wieder unsere natürlichen Rollen als Eltern einnehmen können.

Um die Gleichaltrigenorientierung zu vermeiden, sollten wir versuchen unsere Kinder so lange wie nur möglich bei uns zu lassen und sie nicht zu früh und zu lange fremdbetreuen zu lassen. Vielen Familien ist dies durch die finanzielle Lage aber kaum möglich. Es gibt Wege, wie wir die Gleichaltrigenorientierung vermeiden können. Wir könnten uns z. B. zeitweise ein Au pair zu uns nach Hause holen, welches sich dann um unser Kind kümmert. Die Arbeitszeit zu verkürzen, wäre auch eine Alternative, wenn dies möglich ist. Nicht für jeden Job ist dies machbar, aber wer die Möglichkeit hat, könnte auch einen Jobwechsel mit flexibler Arbeitszeit anstreben, bzw. von zuhause aus arbeiten. Wenn es die finanzielle Situation zulässt, engagiert man sich ein festes Kindermädchen.

Eine dorfähnliche Gemeinschaft aufbauen

Früher gab es noch die dorfähnlichen Bindungsgemeinschaften. Wir hatten all unsere Verwandten und Bekannten um uns herum, die sich abwechselnd um unser Kind kümmern konnten. Es gab ein Gefühl der Verwurzelung, der Zugehörigkeit und Verbindung. Heutzutage ist die Familie aus wirtschaftlichen Gründen meist über das ganze Land verteilt, was dazu führt, dass Eltern meist mit der Betreuung ihrer Kinder auf sich allein gestellt sind. Aber auch wir haben die Möglichkeit uns eine dorfähnliche Gemeinschaft wie damals aufzubauen. Vielleicht mit der netten Nachbarin oder einer guten Freundin, die einem bei der Kinderbetreuung aushelfen. Es müssen Personen sein, denen du vertraust und die feinfühlig mit deinem Kind umgehen, um mit diesem eine gute Bindung aufzubauen.

"Dorfähnliche Bindungsgemeinschaften können aufgebaut werden, wenn wir dazu motiviert sind und die entsprechende Vision entwickeln. Wie die Bindung selbst muss auch der Aufbau einer solchen Gemeinschaft zu bewussten Aktivität werden".

Wenn wir in unserem Umfeld Freunde haben, die Interesse an unserem Kind zeigen, sollten wir diese schätzen und den Umgang mit unserem Kind fördern. Wenn der Kontakt zur Familie unmöglich ist, oder nicht gut für unser Kind wäre, dann müssen wir in unserem näheren Umfeld nach freundlichem Ersatz Ausschau halten. Wir benötigen ein unterstützendes Umfeld, welches wir uns, wenn nicht vorhanden, selbst aufbauen und vor allem auch pflegen müssen. Wir haben ein wirtschaftliches Stadium erreicht, indem wir leider nicht immer zuhause bei unseren Kindern bleiben können. Aber wir können dafür Sorge tragen, dass unsere Kinder starke Bindungen zu den Erwachsenen aufbauen, denen wir sie anvertrauen. Diese Bindung können wir fördern, indem wir den ersten freundlichen Kontakt herstellen. Eine nette Begrüßung des Kindermädchen und das gegenseitige Bekanntmachen ist der erste Schritt. Unser Kind muss spüren, dass wir der Person zugeneigt sind, um mit ihr warm zu werden und sich zu an sie zu binden. Erst wenn wir merken, dass die Bindung stark genug ist, können wir eine erste Trennung versuchen. Hat unser Kind genügend Bindungen zu fürsorglichen Erwachsenen, kommt es nicht in Versuchung sich an seinesgleichen zu binden.  

Wichtig zu erwähnen ist, dass Kinderkontakt untereinander nicht prinzipiell zu vermeiden ist, sondern, dass unsere Kinder nicht ohne Beaufsichtigung einer fürsorglichen Bindungsperson bleiben. Denn ohne unsere Beaufsichtigung bauen sie untereinander so starke Bindungen auf, so dass diese dann mit der Bindung zu uns Erwachsenen konkurriert.


Aber wie können wir die Gleichaltrigenorientierung auflösen, wenn sie schon entstanden ist?
  

Wir müssen uns bewusst machen, dass es da draußen viel Konkurrenz zu uns Eltern gibt! Wir sollten es daher zu unserer höchsten Priorität machen, unsere Kinder wieder zu uns zurückzuholen, indem wir uns die Macht des Bindungstanzes zu Nutze machen. Der Bindungstanz ist bei Säuglingen noch sehr einfach: wir machen Grimassen, Babylaute oder singen ihm etwas vor und das Baby gluckst zufrieden und lächelt uns an. Diese einfache Vorgehensweise funktioniert jedoch bei älteren Kindern nicht mehr, weil sie sich nicht mehr aktiv an uns binden. Jedes Kind ist individuell und benötigt seinen eigenen Bindungstanz.

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Stellen wir uns vor, dass wir uns in jemanden verliebt haben und unser größter Wunsch ist es, mit dieser Person zusammen zu sein. Wir würden alles Erdenkliche tun, um dieser Person zu gefallen und, um ihr ganz nahe zu sein. Und genauso müssen wir vorgehen, wenn wir unsere Kinder wieder zu uns zurückholen möchten.  

Wir treten freundlich an unser Kind heran, ohne zu viel zu erwarten und ohne irgendwelche Erziehungsabsichten zu hegen. Wir probieren ihm ein Lächeln zu entlocken, ohne davon enttäuscht zu sein, wenn es nicht erwidert. Wir stehen noch ganz am Anfang und nicht das kindliche Verhalten sollte die oberste Priorität haben, sondern die Beziehung, die wir wieder mit ihm haben möchten. Wir sollten nicht nur an unser Kind herantreten, wenn es irgendetwas „verbrochen“ hat, sondern auch immer wieder zwischendurch Interesse an ihm zeigen. Das können wir in alltäglichen Situationen machen, indem  wir unser Kind auf sein neu gemaltes Bild ansprechen, ihm die Sternschnuppen am Himmel zeigen oder auf ein leckeres Eis einladen. All dies zeigt dem Kind, dass es gesehen, beachtet und wertgeschätzt wird.  

Bei älteren Kindern, die unseren Kontakt abwehren, funktioniert diese Vorgehensweise nicht. Unsere Aufgabe besteht nun nicht nur darin freundlichen Kontakt mit ihnen aufzunehmen, sondern vielmehr darin, eine gewisse Distanz dabei zu bewahren. Auch hier gilt wieder ohne bestimmte Erziehungsabsichten an unser Kind heranzutreten.   

Wir müssen uns von vornherein klar darüber sein, dass das Zurückholen, wie es Gordon Neufeld nennt, nicht von heute auf morgen funktioniert. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen, nur weil unser Kind uns nicht nach zwei Tagen in die offenen Arme rennt. Wir dürfen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, wenn es etwas länger dauert, als gedacht. Bindung benötigt Zeit und liebevolle Interaktionen.  

Der Bindungstanz ist vor allem nach längerer Trennung wichtig. Das fängt bei der wichtigen Begrüßung unserer Kinder an. Eine liebevolle Umarmung, ein freundlicher Blickkontakt und warme Worte können der erste Schritt dafür sein, unserem Kind zu zeigen, dass es uns wichtig ist. Es ist unsere Aufgabe auf unser Kind zuzugehen, wenn es das nicht mehr von alleine macht - wir müssen mit unserer Initiative den Ausgleich dafür schaffen.

Neben den alltäglichen Trennungen, aufgrund von Kindergarten, Schule und Arbeit der Eltern, gibt es noch andere Dinge, weswegen wir in der Verbindung zu unseren Kindern getrennt werden. Sei es die Spielekonsole, der Fernseher oder auch die Hausaufgaben. Um mit unseren Kindern wieder in Kontakt zu kommen, müssen wir uns nach jeder „Trennung“ wieder neu miteinander verbinden. Bekommen wir keine Aufmerksamkeit unseres Kindes, so haben wir auch keine Chance die Bindung aufzubauen. So können wir es beispielsweise von seinem Spiel wieder zu uns heranholen, indem wir uns neben unser Kind setzen und erst einmal ein Gespräch über das derzeitige Spiel beginnen, bevor wir unsere Forderung äußern, dass es jetzt bitte zum Abendessen kommen möchte. Wir tauchen erst in die Welt des Kindes ein, bevor wir unsere Bitte stellen. Das Gleiche gilt für den morgendlichen Ablauf. Wir können zuerst ausgiebig mit unserem Kind kuscheln, um Kontakt herzustellen und dann kommt der restliche Ablauf des Morgens, denn der Tag kann so schon stressig genug sein. Viele solcher verbindungsaufbauenden Rituale können wir in unserem Alltag integrieren – immer wenn wir Zeit dafür haben, sollten wir diese auch nutzen.

Auch nach Streitereien ist es von enormer Wichtigkeit die Verbindung wieder aufzubauen. Wir müssen die Notwendigkeit dafür erkennen, denn das können wir von unseren noch unreifen Kindern nicht verlangen.    

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Untersuchungen haben gezeigt, dass emotionale Wärme, Freude und Vergnügen die Bindung wieder aktivieren. Lachen und toben ist gesund. Ein wohlwollender Blick und eine warme Tonlage laden unser Kind dazu ein, mit uns wieder in Verbindung zu gehen. Mit Kuscheleinheiten geben wir unserem Kind emotionale Zuwendung, an der es sich noch lange innerlich aufwärmen kann.  

Sollte euer Kind keinen körperlichen Kontakt wünschen, so könnt ihr erst einmal versuchen über eine der anderen 6 Bindungsstufen mit ihm in Kontakt zu kommen. Sei es, dass ihr Gleichheiten findet oder, dass ihr eure Loyalität demonstriert, indem ihr euch auf die Seite eures Kindes stellt, wenn dies erforderlich ist. Ihr könnt die Verbindung auch über die 6. Bindungsstufe, der Vertrautheit stärken, indem ihr mit eurem Kind eure Verunsicherungen und Sorgen teilt. Es wird sich dadurch ernst genommen und wertgeschätzt fühlen, dass ihr so offen zu ihm seid.

Egal über welche lieben Worte, netten Gesten oder auch herzliche Taten wir unser Kind zu uns heranholen möchten, das Wichtigste dabei ist, dass sich unser Kind bedingungslos geliebt, gut aufgehoben und als etwas ganz Besonderes fühlt. Es muss spüren können, dass ihr es bei seiner Abwesenheit vermisst und euch auf das Wiedersehen freut.

Eine weitere Möglichkeit unsere Kinder zu uns zurückzuholen wäre, ihnen etwas zu geben, woran sie sich während unserer Abwesenheit immer festhalten können. Wir können unserem Kind Dinge schenken, mit denen es immer an uns erinnert wird, wie beispielsweise ein Fotomedaillon, ein selbstgeschriebenes Gedicht oder ein Kleidungsstück, welches unseren Duft trägt. Machen wir eine längere Dienstreise, könnten wir unserem Kind eine Landkarte schenken, damit es weiß, wo genau wir uns aufhalten. Geben wir unser Kind während unserer Abwesenheit in die Obhut von Verwandten, könnte deren Aufgabe darin bestehen, liebevoll mit unserem Kind über uns zu sprechen und ihm Fotos von uns zu zeigen, damit es sich uns immer nahe fühlen kann. Im heutigen Medienzeitalter haben wir die Möglichkeit über das Internet den Kontakt aufrecht zu erhalten, beispielsweise via Skype.

Eigeninitiative zeigen

Wenn wir nur auf eingeforderte Aufmerksamkeit unseres Kindes eingehen und keine Eigeninitiative zeigen, werden wir nicht den gewünschten Effekt des Verbindungsaufbaus erhalten, auch wenn wir unserem Kind damit Aufmerksamkeit, Zuneigung und Anerkennung schenken.

"Eigeninitiative und Überraschung sind, wenn wir ein Kind zu uns herholen wollen, überaus wichtige Faktoren. Bieten wir einem Kind etwas an, woran es sich festhalten kann, so wird es am tiefsten beeindruckt sein, wenn es dieses Angebot nicht erwartet hat."

Es geht also darum, auf das Kind zuzugehen, ohne dass es dies erwartet hätte. Wir können ihm durch eine nette Geste, einem Augenzwinkern oder einem Lächeln zeigen, dass wir uns an seinem Dasein erfreuen und seine Existenz schätzen. Wir können unser Kind dazu einladen etwas gemeinsam zu unternehmen, ohne, dass es damit gerechnet hat.  

Manch unsichere Kinder fordern die Aufmerksamkeit von uns Eltern unentwegt. Gehen wir dann nur auf die Forderungen ein, wird unser Kind nie wahre Befriedigung spüren, sondern es wird annehmen, dass wir dies unfreiwillig getan haben. Wir können unser Kind damit überraschen, indem wir auf seinen Vorschlag eingehen und diesen erweitern: "Mama, ich möchte gern mit dir auf den Spielplatz gehen", könnte ein Satz von unserem Kind sein und wir könnten dann antworten: "Au ja, das ist eine gute Idee, lass uns danach noch ein leckeres Eis essen gehen" usw. Wir holen das Kind bei seiner Forderung ab, so dass es den Eindruck hat, dass die Einladung von uns kam. Das Kind muss fühlen, dass wir seine Gesellschaft mögen und gerne mit ihm Zeit verbringen.

Mit Lob sparsam umgehen

Es ist ein Irrglaube zu denken, dass wir unsere Kinder mit Lob zu uns heranholen können oder, dass sie sich daran festhalten könnten, weil wir das Lob auch jederzeit wieder zurücknehmen können.

"Lob betrifft gewöhnlich etwas, was das Kind getan hat, und ist somit weder ein Geschenk noch spontan. Es hat seinen Ursprung nicht im Erwachsenen, sondern in den Leistungen des Kindes".

Lob weckt in unserem Kind Versagensängste. Wenn wir unser Kind stets und ständig für eine erbrachte Leistung loben, dann birgt dies für unser Kind die Gefahr, dass es unseren Erwartungen irgendwann nicht mehr gerecht werden kann. Es wird dann entweder entgegengesetzte Verhaltensweisen an den Tag legen, oder sich aus der Beziehung zu uns zurückziehen, aus Angst uns zu enttäuschen.  

Damit sei nicht gesagt, dass wir niemals loben sollen, aber wir sollten vorsichtig damit umgehen, so dass unser Kind nicht von unserer Bewunderung oder Meinung abhängig wird, sondern ein autonomer Mensch wird! Wir können unserem Kind jederzeit Anerkennung geben, wenn es in etwas viel Liebe und Energie gesteckt hat und uns mit ihm darüber freuen, wie beispielsweise eine gebastelte Rakete, ein selbstgemaltes Bild, ein vorgesungenes Lied oder auch die allerersten Schritte.

 

Zur Abhängigkeit einladen

Noch im Säuglingsalter laden wir unser Baby zur Abhängigkeit ein, indem wir es hochnehmen, es tragen und schaukeln, wenn es seine Arme nach uns ausstreckt und vermitteln ihm somit, dass wir es umsorgen. Ab einem gewissen Alter, kommt uns jedoch das moderne Abhängigkeitsdenken in die Quere. Nun sollen unsere Kinder möglichst alles alleine tun, sich selber beschäftigen, anziehen, selbständig ins Bett gehen, sowie ein- und durchschlafen. Doch ein Kind, dessen Bedürfnisse nicht vollkommen befriedigt werden, welches nicht selbstbestimmt ins Bett darf und nicht einschlafbegleitet wird, wird dem Thema Schlafen gegenüber keine gesunde Einstellung entwickeln können. Wir haben Angst, dass unser Kind nie selbständig wird und ziehen und drücken und versuchen alles Mögliche, damit es schnell zur Reife gelangt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Natur uns dabei hilft, aus unseren Kindern eigenständige und motivierte Menschen zu machen - wenn sie reif genug dafür sind. Pflanzen wachsen ja auch nicht schneller wenn man an ihnen zieht. Befriedigte Bedürfnisse verschwinden, unbefriedigte suchen sich einen anderen Weg und tauchen immer wieder auf.

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Wir haben lediglich die Aufgabe, uns um die Bedürfnisse nach Bindung zu kümmern, der Rest kommt von ganz alleine - und die Suche nach wahrer Unabhängigkeit beginnt. Kümmern wir uns als Eltern nicht darum, werden sie in die Arme der Gleichaltrigen getrieben.  

Wir müssen ihnen Orientierung geben

Weiterhin müssen wir für unsere Kinder als Leuchtturm dienen. Wir sollten ihnen immer Orientierung geben, beispielsweise für das, was wir als nächstes unternehmen, wen wir als nächstes treffen oder was gewisse Dinge bedeuten und wie sie funktionieren. Wir dürfen uns diese Orientierungsrolle, welche für unser Kind so wichtig ist, nicht von anderen nehmen lassen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir in einem fremden Land sind, ohne die Sprache oder die Kultur zu kennen und völlig orientierungslos sind, dann wären wir doch froh, wenn uns jemand helfen würde, der sich dort auskennt und die Sprache spricht. Der uns zeigt, wo es lang geht. Wir würden alles versuchen, um in der Nähe dieser Person zu bleiben. Würde sich diese Person plötzlich von uns abwenden, würden wir alles Mögliche unternehmen, damit diese Person bei uns bleibt, sodass wir nicht orientierungslos sind. Wie schlimm muss es für unsere Kinder sein, die doch auf unsere Bindung und Orientierung angewiesen sind, wenn wir ihnen diese nicht geben? Auch wenn wir es unseren Kinder nicht ansehen, dass sie orientierungslos und verwirrt sind, dürfen wir uns davon nicht täuschen lassen. In der "coolen Welt" in der unsere Kinder leben, wurde ihnen das Gefühl dafür genommen.

"Unter anderem aus diesem Grund wirken an Gleichaltrigen orientierte Kinder oftmals so viel selbstbewusster und in ihrer Entwicklung weiter, sind dabei aber in Wirklichkeit wie der Blinde, der den Lahmen führen will. Unterm Strich führt die Tatsache, dass ihnen ihre Verwirrung nicht ins Gesicht geschrieben steht, dazu, dass unsere Instinkte, sie anzuführen, inaktiv bleiben und unsere Fähigkeit, sie zu uns herzuholen, eingeschränkt ist."  

Auch wenn sich die Welt verändert hat, müssen wir daran festhalten für unsere Kinder wieder den Orientierungspunkt einzunehmen, denn die Bindung und der Bindungstanz bleiben stets dieselben. Wir tragen dafür eine große Verantwortung. Geben wir unserem Kind Orientierungshilfe, so wecken wir seine Bereitschaft sich an uns zu binden und es wird die Nähe zu uns erhalten wollen.  

Bei Kindern, die sich schon allzu sehr an die Gleichaltrigen gebunden haben, wird der Bindungstanz vielleicht nicht von heute auf morgen funktionieren - es braucht Zeit dafür. Wir dürfen nie vergessen, dass uns unsere Kinder brauchen, auch wenn es nicht so aussieht.  

"Je auflehnender und "unmöglicher" die Kinder im Umgang mit uns sind, desto größer ist ihr Bedürfnis, zurückgewonnen zu werden".

Man könnte es als Hilferuf deuten. Wir sollten uns von nichts abbringen lassen unsere Kinder zu uns zurückzuholen, nicht nur, um sie wieder lenken zu können, sondern auch, damit sie eine Chance haben zu wahrer Reife zu gelangen.  

Wenn die Gleichaltrigenorientierung erst in ihren Anfängen ist, können wir versuchen unsere Kinder zu uns heranzuholen, indem wir sie im Kontakt mit den Gleichaltrigen beschränken, so dass eine Bindungslücke entsteht. Die entstandene Bindungslücke können wir dann ersetzen, wenn wir es uns zur höchsten Priorität machen, unser Kind, wann immer die Zeit dafür da ist, in unsere Nähe zu holen, um zusammen etwas zu unternehmen. Wir müssen nun den Fokus auf die Beziehung zu unserem Kind legen und nicht auf die Erziehung, denn dafür benötigt es erst die intakte Bindung zu uns. Schimpfen und kritisieren wir an unserem Kind herum, wird der Erfolg ausbleiben. Eine Möglichkeit den Kontakt zu den Gleichaltrigen zu beschränken wäre Hausarrest. Aber nicht als Bestrafung gesehen, sondern als eine Chance wohlwollend an unser Kind heranzutreten und den Hausarrest dafür zu nutzen, um eine tolle Zeit mit unserem Kind zu verbringen.  Bei Kindern, wo die Gleichaltrigenorientierung bereits sehr fortgeschritten ist, wird Hausarrest seine Wirkung verfehlen. Dann können andere Maßnahmen helfen. Wer die Möglichkeit hat, könnte sich beispielsweise ein schönes Ferienhaus mieten und die Zeit dort während der Ferien zusammen verbringen. Wichtig dabei ist, dass es dort keine anderen Kinder gibt, denn sonst wird die Bindungslücke nie so groß sein, dass unser Kind in unsere Arme zurückkehrt.  

Selbst Gordon Neufeld hatte zwei Kinder, die er anfangs an die Gleichaltrigen verlor. Um sie zu sich zurückzuholen, nahm er sich für beide seiner Töchter eine Woche Exklusivzeit. Mit der einen Tochter fuhr er ans Meer, mit der anderen in die Wildnis. Die ersten Tage waren sehr schwer für ihn, er wurde ignoriert und als langweilig abgestempelt, doch mit viel Geduld und bleibender Freundlichkeit gelang es ihm nach einigen Tagen seine beiden Töchter wieder an sich zu binden und als Orientierungspunkt zu fungieren. Damit das wiederaufgebaute Band zwischen ihnen nicht wieder abriss, traf er mit seinen Töchtern Abmachungen, dass sie sich einmal die Woche alleine treffen, um spazieren zu gehen oder eine Tasse Kakao zu trinken.

"Ich nahm mir fest vor, sie während dieser besonderen Zeiten nicht zu "bearbeiten". Diese eigens geschaffenen Gelegenheiten sollten den Bindungskontext bewahren – meinen anderen elterlichen Aufgaben, ihr Hilfestellung und Führung zu geben, konnte ich außerhalb dieser Zeiten nachgehen."

Der Fokus muss immer auf der Beziehung zu unseren Kindern liegen. Wir sollten ihnen auch in schwierigen und hastigen Zeiten bedingungslose Akzeptanz und Liebe entgegnen, um ihnen zu vermitteln, dass sie selbst wichtiger sind als ihr Verhalten. Ein Kind, dessen Eltern ihm in ihrer Wut Lektionen erteilen, wird Angst um die Beziehung haben. Von diesem Kind können wir dann nicht erwarten, dass es an der Beziehung zu uns festhält. Wir Erwachsenen können in unserer Wut versuchen tief durchzuatmen und bis 10 zu zählen, mahnende Worte zurückzuhalten und auf Strafe zu verzichten, anstatt der Wut ihren freien Lauf zu lassen. Wenn wir denken, dass wir unser Kind damit verziehen, wenn wir auf Bestrafungen verzichten, liegen wir damit falsch. Denn unsere Kinder wissen, was wir eigentlich von ihnen erwarten. Sie sind aber durch Unreife nicht fähig dazu oder durch fehlgeleitete Bindungsinstinkte nicht bereit, auf unsere Erwartungen einzugehen. Auch wenn unser Kind uns gegenüber verschlossen, gemein und geradezu gehässig ist, müssen wir am Ball bleiben und uns dadurch nicht verunsichern lassen. Wir dürfen uns in solchen Momenten nicht zurückziehen, denn dies erfährt unser Kind als Ablehnung und die Verbindung wird wieder unterbrochen.  

Von vielen Erwachsenen wird die Fähigkeit der Kinder, sich miteinander zu beschäftigen, als Befreiung angesehen. Wird das eigene Kind zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, sind wir dankbar für die gewonnene Freizeit. Die Kinder scheinen glücklich zu sein  und den Eltern wird eine Last abgenommen und sie können sich ausspannen oder die Zeit in die Arbeit investieren.

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Sollte sich die Gleichaltrigenorientierung aber festigen, bedeutet dies im Nachhinein Mehrarbeit. Mehr Zeit, Energie, Kosten und ausgleichende Erziehung, um sie wieder zurückzuholen. Binden sich unsere Kinder ohne unser Zutun an andere Kinder, stehen wir mit diesen in Konkurrenz. Dem können wir vorbeugen, indem sich unser Kind über uns an andere Kinder bindet. Das könnte beispielsweise das nette Nachbarskind sein, welches unser Kind über uns kennenlernt. Sollte die Bindung unseres Kindes an die anderen Kinder in unserer Abwesenheit geschehen sein, dann könnten wir diese Freunde zu uns nach Hause einladen und uns freundlich um sie bemühen. Mit ihnen Spaß haben, lachen und spielen. Nur so können wir die konkurrierende Bindung wieder auflösen und die Bindung zu unserem Kind stärken.

“Wenn der Gesellschaft all diese Auswirkungen von Anfang an bewusst gewesen wäre, dann hätte es keinen Antrieb dafür gegeben, Kinder zusammen zu bringen. Das Augenmerk hätte dann darin gelegen, dass die Eltern die meiste Zeit mit ihren Kindern verbringen, um die Bindung weiter zu stärken.”

Natürlich haben viele Eltern Arbeitsverhältnisse, die es ihnen schwer machen, oft bei ihren Kindern zu sein. Ich weiß von vielen Unternehmern, Freiberuflern, Selbstständigen - aber auch Führungskräften und Managern, die bewusst verzichten, um für ihre Kinder da zu sein. Ich weiß von erfolgreichen Menschen, die ihre Jobs für ihre Kinder wechselten oder auch zu den Verwandten gezogen sind, um sich dort Unterstützung zu holen. Ich weiß von Großeltern, die zu den Eltern ins Haus zogen, um ihnen bei der Kinderbetreuung zu helfen. So vielfältig die Probleme sind, so vielfältig sind auch die Lösungen.  Und wer noch nicht gleich für sich und seine Situation eine Lösung findet, der kann auf seinen Bedarf aufmerksam machen, sich Verbündete suchen und an Netzwerke wenden, um so an neue Ideen zu kommen.

Lesenswerter Link zu Gordon Neufeld: http://neufeldinstitute.com/int/de/files/2015/03/2014-10-Gleichaltrige-du--rfen-nicht-wichtiger-werden-als-die-Eltern-Teil-1.pdf

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